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100. Geburtstag und 40. Todestag: Ganz Frankreich weint wieder um Georges Brassens

Das Doppeljubiläum von Georges Brassens, einem der bekanntesten französischen Chansonniers des 20. Jahrhunderts, löst zurzeit wieder landesweit heftige Emotionen aus. 2021 wäre der vor 40 Jahren gestorbene und aus dem südfranzösischen Hafenstädtchen Sète stammende Gesangspoet 100 geworden. Allenthalben finden daher Gedenkkonzerte statt, bei denen die Tränen nur so fließen auch in Nizza, in Grasse und in La Seyne.

Georges Brassens bei einem Auftritt im Jahr 1966.

In der aktuellen Medienwelt hat der Künstler Hochkonjunktur. Verlage nutzen die Nostalgiewelle zu Neuerscheinungen von Büchern sowie Wiederauflagen von Tonträgern. Rundfunk und Fernsehen bringen fortlaufend Sondersendungen. Brassens’ Heimatgemeinde will den runden Geburtstag ihres berühmten Sohnes noch bis zum Jahresende feiern.

Unser Chefreporter Rolf Liffers hat sich in Sète auf Spurensuche begeben. Dabei fand er unter anderem heraus, dass Brassens während des Zweiten Weltkriegs ein volles Jahr in einer deutschen Fabrik bei Berlin zwangsarbeiten musste. Nach Feierabend schrieb er im Lager die ersten Chansons, die seinen späteren Ruhm begründeten. Die Personalpapiere aus jenen Tagen sind im dortigen "Espace Georges Brassens" ausgestellt.

Anfang Februar 1944 klopft der Postbote an die Tür des Hauses 54, Rue de l’Hospice. Der öffnenden Hausfrau streckt er ein beiges Kuvert mit kompromittierendem Äußeren entgegen: Auf dem Umschlag prangt eine knallblaue 25-Reichspfennig-Marke mit dem Konterfei des „Führers“. Absender ist der Sohn des Hauses, Georges, damals 22 Jahre alt.

Der junge Mann war 1939 durchgebrannt. Er hatte die Schornsteinfegerlehre geschmissen und sich als Handlanger bei Renault in Boulogne-Billancourt bei Paris verdungen.


Arbeitslager im brandenburgischen Basdorf


In seiner Freizeit büffelt er in verschiedenen Bibliotheken der Hauptstadt das Einmaleins der französischen Dichtkunst, bis er Anfang März 1943 zum Arbeitsdienst STO (Service du travail obligatoire) eingezogen wird. Von nun an rackert er in Zühlsdorf für Nazi-Deutschland. Im Strahltriebwerk der Bayrischen Motorenwerke muss er Flugzeugmotoren vom Typ BMW 801 zusammenschrauben.

Untergebracht ist der militante Anarchist in einem Arbeitslager im Nachbarort Basdorf, das inzwischen zu Wandlitz gehört. Morgens muss er um vier Uhr raus. Abends, zurück in seiner Baracke, sieht man ihn mit einem Stift über Papier brüten. Wie man heute weiß, schreibt der Freidenker aus dem Hérault Gedichte. Als er durch Zufall ein Klavier entdeckt, beginnt er, seine vielfach gesellschaftskritischen Texte zu vertonen und danach für Gitarre zu arrangieren. 30 seiner ersten Chansons entstehen. Darunter «Papa Maman», «Bonnehomme», «Pauvre Martin» und «La Chasse aux Papillons» – Gassenhauer, die gut zehn Jahre später jedes Kind mitpfeifen kann.


Ausstellungsstücke im Espace Brassens in Sète. Repro: Rolf Liffers


Wie sich anhand der Dokumente des Espace Brassens nachvollziehen lässt, bekommt Brassens nach einem Jahr in Deutschland erstmals Urlaub. Zehn Tage. Am 7. März 1944 reist er nach Paris, fest entschlossen, unterzutauchen und nicht zurückzukehren. Als Deserteur, der er nunmehr ist, kann er nicht wieder bei seiner Tante Antoinette, der Schwester seiner Mutter, unterschlüpfen. Die Rue d’Alésia im 14. Arrondissement ist allzu leicht einsehbar. Bis zur Befreiung der Stadt im Spätsommer verkriecht er sich daher bei Jeanne LeBonniec und ihrem Mann Marcel Planche, die einen Steinwurf von hier im Hinterhof einer Sackgasse (9, Impasse Florimont) wohnen. Die beiden sind nahezu mittellos und leben in entsprechend erbärmlichen Verhältnissen. Der Liedermacher muss im Esszimmer schlafen, in einem Gitterbett. Es gibt weder Gas noch Wasser.

Brassens fühlt sich trotzdem wohl. Als Sohn eines kleinen Bauunternehmers und einer musikliebenden Neapolitanerin ist er Entbehrungen gewohnt. Und im Florimont genießt er die wiedergewonnene Freiheit und die Umgebung von Menschen seines Vertrauens. Er verliebt sich in die 30 Jahre ältere Jeanne und erfreut sich der vielen Tiere, die den Hof bevölkern – ein Bussard, ein Rabe, ein kiebiger Papagei, der gern Hunde ärgert und Eindringlingen in den Po beißt, und natürlich Katzen, reichlich Katzen, die Brassens mehr liebt als die meisten Menschen. Nicht zu vergessen die «Cane de Jeanne», die Gans von Jeanne, der er eines seiner populärsten Lieder widmet. Das erste Chanson, das er öffentlich vorträgt, ist «Le Gorille», vordergründig ein frivoles Couplet über einen brünftigen Affen, gemeint aber als Spitze gegen die Todesstrafe.


Erste Triumphe im Pariser Cabaret

1952 feiert Brassens seine ersten Triumphe im Pariser Cabaret der Chanteuse Patachou. Während der 50er- und 60er-Jahre steigt er zu einem der beliebtesten Vertreter seines Genres auf. Seine estnische Lebensgefährtin Joha Heiman, die bis zu seinem Lebensende an seiner Seite bleiben wird, ohne dass sie je zusammenziehen, nennt er liebevoll-deutsch «Püppchen». Geheiratet hat er sie nie, weil er sich für unfähig hielt, «ein Zuhause zu schaffen». Außerdem fürchtete er, «dass die Tinte der süßen Noten» in Ehe und Familie «zu schnell zwischen den Seiten der Kochbücher verblasst».

Auch im Wohlstand bleibt der Künstler bescheiden und lebt bis 1966 zurückgezogen im Floriment. Größere Geselligkeiten sind ihm ohnedies ein Gräuel. Ein paar gute Freunde («Les Copains d’abord») genügen ihm. «Wo mehr als vier zusammensitzen, wird’s zum Deppenhaufen», findet er. Wie im Alltag hasst er Firlefanz auch auf der Bühne. Kein Orchester, keine Lightshow. Als einziges Requisit dient ihm immer nur der Stuhl, auf dem er als Auflage für seine Gitarre das rechte Bein anwinkelt.

Seit den 70er-Jahren leidet Brassens an Nierenkrebs. 1980 wird er in Montpellier operiert. Er stirbt am 29. Oktober 1981. Wie im Leben will er auch im Tod keinen Pomp und keine Ovationen. Folglich liegt er nicht auf dem «besseren Friedhof» («cimetière marin»), wo der Dichter Paul Valery seine letzte Ruhe fand, sondern auf dem einstigen Armenfriedhof («cimetière de Py»), gegenüber von seinem Museum. Zwar hat sich sein Wunsch aus der Bittschrift «Supplique», am heimatlichen Strand beerdigt zu werden, nicht ganz realisieren lassen. Aber immerhin ruht Brassens mit «Blick» auf die Austernbänke des Bassin de Thau und damit «nicht allzuweit von den blauen Wellen, um den Tod im Urlaub zu verbringen». Zum Schluss schlägt das Schlitzohr den Trauergästen noch ein Schnippchen, indem er sich im Morgengrauen, Stunden vor dem offiziellen Beisetzungstermin, begraben lässt, um sich das «Theater» um ihn zu ersparen, zu dem Tausende von Menschen angereist sind. Jedenfalls dürfte sich der Atheist, der als Sterblicher nicht unsterblich sein wollte, noch im Himmel darüber amüsiert haben, nicht zwischen den Nationalheiligen im Pariser Pantheon mumifiziert zu sein.


Mischung aus klassischer Poesie und Argot

Der Sprachkünstler gilt heute als einer der einflussreichsten Chansonniers des 20. Jahrhunderts. Den Reiz seiner raffinierten Melodien macht eine einzigartige Mischung aus der Sprache der klassischen Poesie und dem Gossenjargon (argot) aus. Die Texte, die heute zur Schullektüre gehören und für Nichtfranzosen nur schwer zu verstehen sind, verweben zarte Gefühle, widerborstige Gesellschaftskritik und mitunter derbe Ferkeleien. Aus seinem Repertoire von 120 Liedern werden 17 Langspielplatten gepresst, die über 20 Millionen Mal verkauft werden. Aus der deutschen Liedermacherszene sind es insbesondere Wolf Biermann, Franz Josef Degenhardt und Dieter Süverkrüp, denen Brassens ein leuchtendes Vorbild war.

2004 wurde in Basdorf der Verein «Brassens in Basdorf» gegründet. Schon im September 2003 waren Freunde des alten Anarchisten in die brandenburgische Gemeinde gereist, um gemeinsam seine schelmisch-provokanten Lieder gegen Spießer, Speichellecker und die Obrigkeit zu schmettern. So wurde das 5000-Seelen-Dorf im Landkreis Barnim zum Festivalort mit dem Schwerpunkt Brassens. Basdorf ist Deutschlands erste Gemeinde, die den Musiker offiziell ehrt. Der Platz vor dem Bahnhof trägt seinen Namen.

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