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120. Geburtstag von Marlene Dietrich: "Mit Küssen bedeckt" im Schatten des drohenden Kriegs

Aktualisiert: 10. Sept. 2021

Das Osnabrücker Remarque-Friedenszentrum erinnert noch bis zum 26. September mit der Ausstellung "Die Diva. Ihre Haltung. Und die Nazis" an Marlene Dietrich. Die antifaschistische Hollywood-Schauspielerin wäre im kommenden Dezember 120 geworden. Der pazifistische Millionen-Autor Erich Maria Remarque starb 2020 vor 50 Jahren.

Von Rolf Liffers

Marlene Dietrich verbrachte 1938 sonnige Tage im Hotel du Cap-Eden-Roc in Antibes. Foto: Oetker Collection

Düstere Kiegsahnung verfinstert im Sommer 1939 auch die sonnige Côte d’Azur. Marlene Dietrich (37) und ihr drei Jahre älterer Liebhaber Erich-Maria-Remarque, die im Hotel "Eden Roc" am Cap d’Antibes Ferien machen, schnappen zufällig auf, was sich der eher kampfbereite britische Premier Winston Churchill und der latent hitlerfreundliche amerikanische Botschafter in London, Joseph Kennedy (Vater von John F.), zuraunen. Für die beiden weltbekannten Deutschen, die sich schon seit Jahren ostentativ gegen das verhasste Nazi-Regime in ihrer Heimat auflehnen, ist danach endgültig klar: Sie können nicht zurück, müssen zu ihrer eigenen Sicherheit aus Europa verschwinden.

Der Leiter des Remarque-Forschungszentrums, Dr. Thomas F. Schneider, schildert in seinem Buch „Sag mir, dass du mich liebst!“ zwar in schillernden Farben, dass die damals schon weltbekannte Berliner Künstlerin und ihr nicht minder prominenter niedersächsischer Freund im Juli "den schönsten Liebesroman des 20. Jahrhunderts" erleben. Er unterschlägt jedoch auch nicht, dass der sensible Schriftsteller vor der himmlischen Kulisse des Luxushotels bisweilen Höllenqualen leidet.


Eifersucht im Hôtel du Cap

Remarque sei der androgynen Stilikone mit der rauchigen Stimme, deren Markenzeichen eng anliegende Herrenhosen waren, mit Haut und Haar verfallen gewesen. "Sie liebte ihn sicher auch, und ihre Leidenschaft war gegenseitig", ist Schneider überzeugt. "Sie nutzte aber ihre Dominanz, ihn immer wieder zappeln zu lassen und sich mit anderen zu vergnügen, wobei es auch gern mal eine Frau sein durfte." Aus Marlenes Terminkalender soll laut Enkel Peter Riva hervorgehen, dass die Inkarnation lasziver Weiblichkeit in ihren besten Zeiten täglich bis zu drei Opfer beiderlei Geschlechts vernascht haben soll.

Der durch das Buch "Im Westen nichts Neues" bekannte Schriftsteller Erich Maria Remarque, dessen Film in Berlin zu großen Unruhen führte, während einer Erholung in Davos/Schweiz. Foto: Bundesarchiv, Bild 102-10867 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en>, via Wikimedia Commons

In der gemeinsamen Suite des Hotels, das sich inzwischen in deutscher Hand (Oetker, Bielefeld) befindet und "Hôtel du Cap" nennt, schreibt sich der vor Eifersucht rasende Romancier in einsamen Nächten seinen Frust über den männermordenden Vamp von der Seele, wobei sie in Antibes im Grunde nur anwendet, was sie als Lola in ihrem Erfolgsfilm "Der blaue Engel" verinnerlicht hatte – wie man gestandenen Männern bis zur Selbstaufgabe den Kopf verdreht.

Die Liaison hatte Anfang September 1937 unter kuriosen Umständen begonnen. Am Lido von Venedig hatte Regisseur Josef von Sternberg, mit dem die Dietrich ebenfalls ein Verhältnis hatte, das Pärchen sich für eine Nacht selbst überlassen. Kein Risiko, wie Sternberg gedacht haben könnte, nachdem der neue Verehrer dem langbeinigen Leinwandluder demonstrativ versichert hatte, dass er "leider impotent" sei. Woraufhin Marlene wie aus der Pistole geschossen "Ach, wie wunderschön" gekontert haben soll. Wie auch immer: Remarque soll nach Schneiders Erkenntnissen von Sekunde an von seiner Schwäche geheilt gewesen sein.


Passionierte Liebesbriefe

In seinen passionierten Liebesbriefen und Mitteilungen sprüht der Poet fortan geradezu vor Einfällen. So schlüpft er in immer andere fiktive Rollen, spielt mit Kose- und Decknamen und ersinnt neben vier anderen Identitäten auch den pubertierenden Verehrer "Alfred". Dann wiederum mutiert er zum glühenden Weiberhelden "Ravic", Hauptperson seines erst 1946 erscheinenden Romans "Arc de Triomphe". Zitat: "Schaut Euch nur den Ravic an, zerkratzt, liebkost, mit Küssen bedeckt und bespuckt." Seine wilde Geliebte besetzt er mit allen möglichen Raubtieren. "Ich habe viele Wölfinnen gesehen. Aber ich kenne nur einen solchen Puma... Sie kratzen bisweilen, wenn sie streicheln wollen, und selbst im Schlaf ist man vor einem Angriff nicht sicher."

Das ganz große "Wetterleuchten" (Remarque) der Lovestory allerdings war wohl schon Ende 1940 verblasst. Später vertraute der selbstzweiflerische Romancier Alma Mahler-Werfel, die sich ihrerseits im Exil in Sanary-sur-Mer nicht gerade als Frau von Traurigkeit einen Namen machte, wie "geniert er vor sich selber" sei, jemanden ernst genommen zu haben, "der doch nichts weiter ist als ein schönes Flittchen".


Immer neue Affären der Dietrich

Remarques Argwohn war dabei keineswegs unbegründet. Selbst in der heißen Phase der Beziehung beginnt die Dietrich immer neue Affären. Im Cap-Hotel zum Beispiel mit der kanadischen Milliardärin Jo Carstairs. Schluss zu machen, schafft der gehörnte Lebemann jedoch erst nach einer weiteren Affäre seiner Gespielin – diesmal mit dem amerikanischen Filmstar James Stewart. 1941 beginnt sie ein Verhältnis mit Jean Gabin. Der resignierte Remarque selbst lässt sich von anderen trösten und sinkt u.a. in die Arme von Greta Garbo.

Laut Schneider hat der schmucke Poet seiner Wildkatze in den einschlägigen Jahren rund 500 Liebesbriefe geschrieben. Von Marlenes sind demgegenüber nur 20 "Bekenntnisse des süßen Regenbogens" (Remarque) erhalten geblieben, die allesamt danach datieren. Denn ihre während der akuten Beziehung entstandenen schriftlichen Liebesbeteuerungen sind sämtlich von Remarques späterer Frau Paulette Goddard, Ex von Charlie Chaplin, vernichtet worden.

Derweil versucht "das zerfetzte Puma" noch über Jahre, den Verflossenen bei der Stange zu halten. Noch 1945 schwärmt Marlene aus Paris von ihrer "Sehnsucht nach Alfred". 1950 telegrafiert sie ihm Geburtstagswünsche, "because I love you". Und als der Buchautor im September 1970 in Locarno seinen Geist aufgibt, kabelt die Dietrich ihm noch ans Sterbebett "Geliebter Alfred, ich schicke Dir mein ganzes Herz".

Die ebenso selbstbewusste wie couragierte deutsche Venus pflegte aus ihrem Herzen keine Mördergrube zu machen: Schon 1936, drei Jahre nach der Machtübernahme Hitlers, hatte die Actrice den damaligen Reichspropagandaministers Joseph Goebbels abblitzen lassen, als der ihr hohe Gagen und freie Wahl bei Drehbuch und Mitarbeitern für in Deutschland gedrehte Filme verhieß. Stattdessen drehte sie weiterhin in Hollywood, wohin sie Sternberg mitgenommen hatte. Bei Paramount unterschreibt sie einen Siebenjahresvertrag, arbeitet mit Hitchcock, Lubitsch, Welles, Wilder und anderen Regie-Größen.


Deutsche Staatsbürgerschaft abgelegt

Ihren europäischen Hauptwohnsitz hatte sie noch vor Kriegsbeginn nach Paris verlegt, von wo aus sie fortan verfolgten Deutschland-Flüchtlingen und emigrierenden Künstlern unter die Arme griff. Am 9. Juni 1939, kurz vor ihrer zweiten Ankunft am Cap d’Antibes, legte sie die deutsche Staatsbürgerschaft endgültig ab und wurde Amerikanerin.

Nach Deutschland kommt sie erst zum Kriegsende wieder – in GI-Uniform, um als Sängerin amerikanische Truppen bei Stimmung zu halten. Nach der Befreiung bleibt sie heimatlos, zieht von einem Ort zum anderen und verbirgt sich schließlich bis zu ihrem Tod in ihrem Pariser Appartement.

Remarque, der in seinen meisten Büchern die Grausamkeit des Krieges anprangert, hatte schon vor Beginn der Nazi-Herrschaft Karriere gemacht und damit viel Geld verdient. Sein Romanerstling und Hauptwerk "Im Westen nichts Neues" wurde 1928 auf Anhieb ein Welterfolg. 1930 wird der Stoff in Hollywood verfilmt. In Deutschland indessen wird das literarische Werk des 1930 in die Schweiz emigrierten Millionenautors als „schädliches und unerwünschtes Schrifttum“ verteufelt, verboten und 1933 öffentlich verbrannt. 1938, als er mit Marlene erstmals seinen Urlaub in Antibes verbringt, wird ihm gar die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. In Amerika, wo seine Bücher förmlich "gefressen" werden, wird er jedoch ohn‘ Federlesens aufgenommen.


Remarque bis heute aktuell


Remarques Aussagen sind bis heute aktuell. Seine Schriften liefern auch ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod noch Rekordzahlen: 60 bis 80 Millionen Exemplare sollen nach Schätzungen des Leiters des Remarque-Forschungszentrums weltweit verkauft worden sein. "Im Westen nichts Neues" beschreibt die Fronterfahrungen des Soldaten Paul Bäumer und seiner Kameraden in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. "Was geschieht mit Menschen, die mit Krieg konfrontiert werden? Was passiert nach Ende des Konflikts mit diesen Menschen? Das sind Fragen, die bis heute aktuell sind", sagt Thomas Schneider. "In den deutschen Schulklassen gibt es sehr viele Schüler, die genau diese leidvollen Erfahrungen gemacht haben. Schüler aus Afrika, Syrien, dem Irak, Afghanistan..."


Literatur:

  • Thomas Schneider/Werner Fuld: "Sag mir, daß du mich liebst"

  • Karl Maria Lauten Verlag Oberhausen: Katalogbuch zur aktuellen Osnabrücker Ausstellung in Osnabrück mit zahlreichen bisher unveröffentlichten Fotos aus dem Nachlass. Die erste Auflage ist inzwischen vergriffen.

  • Karin Wieland: „Dietrich & Riefenstahl. Der Traum von der neuen Frau“

  • Eva Gesine Baur "Einsame Klasse" (Dietrich-Biografie)


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