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1933 mit den Manns in Le Lavandou: Brecht-Schauspielerin Therese Giehse wird geehrt

Unvergessen und immer noch hoch verehrt: Der großen deutschen Charakterschauspielerin Therese Giehse (1898-1975), deren französisches Exil gemeinsam mit der Familie des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann und engen Freunden im Mai 1933 in Le Lavandou-Aiguebelle im Var begann, wird ein weiteres "Denkmal" gesetzt. Der Berliner Bundesverband Schauspiel (BFFS) will seinen jährlichen Theaterpreis nach ihr benennen.


Von Rolf Liffers


Therese Giehse im Jahr 1936, fotografiert von Annemarie Schwarzenbach

Wie es zur Begründung heißt, sei die gebürtige Münchnerin, die schon 1929 – ein Jahr nach der Uraufführung von Brechts 1928 in Saint-Cyr vollendeter Dreigroschenoper – die Celia Peachum verkörpert hatte, "eine der prägenden Persönlichkeiten des deutschsprachigen Theaters". Gewürdigt werde mit dem Preis ihr "mutiges Wirken und Leben als lesbische Schauspielerin in einem Jahrhundert voller Verwerfungen", erläuterte der BFFS in der vorigen Woche seinen Beschluss. Dabei erinnerte er daran, dass die Giehse Anfang 33 mit ihrer Lebensgefährtin


Erika Mann und deren Bruder Klaus, die damals ebenfalls im Hotel "Les Roches fleuries" in Le Lavandou Unterschlupf fanden, das oppositionelle Münchner Kabarett "Pfeffermühle" mitbegründet hatte.

Zunächst hatte sich die Giehse mit Klaus Mann, der ihr 1936 in Sanary-sur-Mer seinen "Mephisto"-Roman widmete, nach Zürich abgesetzt, weil ihr als links stehender oppositioneller Künstlerin rein jüdischer Abstammung nach der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 die politische Verfolgung drohte.

Nach Recherchen des Verfassers hielten sich in diesen Tagen auch Thomas Mann und seine Frau Katia in der Schweiz auf. In Basel hatte sich der Romancier bei den NS-Führern durch kritische Äußerungen über Hitlers Lieblingskomponisten Richard Wagner "unmöglich" gemacht. Über bestimmte Passagen des Vortrags "Leiden und Grösse Richard Wagners" soll der "Führer" regelrecht getobt haben.


In die Sicherheit des unbesetzten Vichy-Frankreichs

Klaus und Erika hatten ihre Eltern daraufhin beschworen, in Gottes Namen nicht nach Deutschland zurückzukehren, sondern sich irgendwo in Sicherheit zu bringen – am besten im Süden, im unbesetzten Vichy-Frankreich des Nazi-Kollaborateurs Pétain. Innerlich sträubten sich die alten Manns gegen die Idee. Insbesondere Thomas konnte sich nicht vorstellen, dass sich das Hitler-Regime je erdreisten könnte, ihm, dem international renommierten Erfolgsautor, zu nahe zu treten. Dann bissen sie aber doch in den sauren Apfel und reisten per Bahn nach Toulon, wo sie von Erika mit dem Auto abgeholt und nach Le Lavandou chauffiert wurden. Klaus und Erika kannten sich in der Gegend aus, hatten sie die Côte d’Azur doch erst 1931 für die Recherchen zu ihrem "Buch von der Riviera" bereist.

"Im Meerschlossartigen des Hotels" (Thomas Mann) in Aiguebelle wurden sie bereits von ihren anderen Kindern Elisabeth ("Medi") und Michael ("Bibi") erwartet. Zu denen hatten inzwischen wiederum Klaus und die Giehse sowie die aus schwer reichem Hause stammende Schweizer Abenteuerin, Autorin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) aufgeschlossen, eine weitere Intimfreundin von Klaus und Erika.

Die Eltern Mann sind hingerissen vom direkt am Meer gelegenen kleinen Le Lavandou, von wo aus Klaus seinen berühmt gewordenen Brief an den deutschen Dichter Gottfried Benn schreibt (wir berichteten). Sie besichtigen daher am Ort mehrere Mietobjekte, um sich dort auf länger einzurichten. Ihre Wahl fällt auf die hübsche Villa einer Madame Herbart, gegenüber vom Feriendomizil eines anderen "Prix Nobel" – André Gide, der mit der benachbarten Familie des Malers Theo van Rysselberghe eng befreundet war.


Sanary-sur-Mer statt Le Lavandou

Bevor es jedoch zum Vertrag kommt, entscheiden sich die Manns für ein Haus in Sanary-sur-Mer. In Bandol beziehungsweise in Saint-Cyr hatten sie zuvor den Romanautor René Schickele sowie den Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe getroffen, die ihnen die Ecke dadurch schmackhaft gemacht hatten, dass dort bereits viele andere deutsche und österreichische Exil-Autoren und -Künstler wohnten. Bei einer Zwischenstation im "Hotel de la Plage" in Bandol bedauert Thomas Mann jedoch schon: "Es war malerischer und griechischer in Le Lavandou."

Therese Giehses Fluchtweg verlief derweil nach ihrem Aufenthalt in Le Lavandou von 1934 bis 1936 von Frankreich über Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Österreich bis in die Tschechoslowakei. Am 20. Mai 1936 heiratete sie den homosexuellen englischen Schriftsteller John Hampson, um zum Schutz vor dem Zugriff der Nazis an einen britischen Pass zu gelangen. 1937 wurden in Amerika begonnene Aufführungen der „Peppermill“ nach kurzer Zeit mangels Zuspruchs wieder eingestellt. So kehrte die Giehse ans Zürcher Schauspielhaus zurück, dem sie den Rest ihres Lebens treu blieb. Nach 1945 stand sie zudem zeitweise in München, Berlin, Salzburg und Wien auf der Bühne. Als temporäres Mitglied des Berliner Ensembles von Bertolt Brecht war sie nach dem Krieg eine gefragte Interpretin seiner Werke.


Unterschiedliche Typen

2018 erschien die Wendt-Biografie zu den zwei Frauen

Erika Mann und Therese Giehse waren zwei extrem unterschiedliche Typen. Mehrere Jahre verband sie eine innige Liebe, später eine Freundschaft. So jedenfalls hat die Münchner Biografin Gunna Wendt das Verhältnis der beiden Frauen beschrieben. "Sie hatten die Chance, ein Traumpaar zu werden und zu bleiben: Erika Mann und Therese Giehse, denn sie waren so gegensätzlich wie man überhaupt nur sein kann, und das scheint oft die Basis großer Liebesbeziehungen und Freundschaften zu sein." In einem Doppelporträt hatte sich Wendt vor einiger Zeit auf die gemeinsamen Jahre von "Erika und Therese" konzentriert, die sich im März 1927 kennengelernt hatten und deren Verhältnis Anfang 1937 in den USA zerbrach.

"Erika Mann hatte alle Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Sie hatte viele Talente, hat vieles ausprobiert", schildert Wendt. Sie liebte Theater und Literatur, stand selbst auf der Bühne, schrieb Texte. Sie probierte Drogen aus, reiste um die Welt, fuhr gerne und schnell Autos, die sie sogar reparieren konnte. Aber sie übernahm – geprägt als älteste von sechs Geschwistern – auch Verantwortung für andere.

"Sie hatte immer ihre Zöglinge", hat Gunna Wendt eruiert. Rein äußerlich sei das Leben der fürsorglichen Erika sicher aufregender als das von Therese gewesen. Ausführlich hat die Autorin recherchiert, beispielsweise im Literaturarchiv der Monacensia, wo die Nachlässe der beiden Frauen aufbewahrt werden. Wobei die Quellenlage zu Erika deutlich üppiger ist als zu Therese Giehse, die 1898 als jüngstes von fünf Kindern des jüdischen Kaufmannsehepaars Gertrude und Salomon Gift zur Welt kam. Für sie war früh klar, dass sie Schauspielerin werden will – und diesen Weg verfolgte sie zielstrebig. Nach Schauspielunterricht und Lehrjahren in Siegen in Westfalen reüssierte sie von 1926 an im Ensemble der Münchner Kammerspiele. Das Publikum war von ihr hingerissen. Auch Thomas Mann und seine Familie.

"Die Pfeffermühle" ist das gemeinsame Projekt der Frauen. Erika Mann schrieb rückblickend darüber: "Gründer: Klaus und ich, die Giehse und Magnus Henning, unser Musikus. Was wollten wir? Die Nazis bekämpfen. Deshalb nannten wir uns ‚literarisch‘. Aus Berechnung und – obwohl wir auch das waren – unvermeidlich, quasi heillos, von Haus aus. Regie: Giehse; Star: Giehse; Co-Direktion: Giehse."

Tatsächlich sind die damaligen Entwicklungen rasant. Der Mut des Ensembles zu politischem Kabarett ist unglaublich, zumal ihre Bühne in der Neuturmstraße ans Hofbräuhaus angrenzte, einen beliebten Veranstaltungsort der Nazis. Den Mut bewundert auch Wendt und "dass die Angst nicht ihr Handeln bestimmt hat". Die Zeit des Kabaretts währt jedoch nur kurz. Bis beide im März 1933 in die Schweiz fliehen. In Zürich beleben sie ihr Projekt neu, gehen auf Tournee, werden geschätzt, aber auch bedroht.


Unausweichliche Trennung

In Amerika gehen ihre Wege schließlich auseinander: Der geerdeten Therese Giehse blieb die Kultur und vor allem die Sprache fremd. Die experimentierfreudige Erika Mann jedoch wollte dort ihren Weg gehen. Beide waren stets konsequent, die Trennung ausausweichlich. "Beide waren sehr integer, nicht korrumpierbar, stets überzeugt von dem, was sie taten", bringt es Wendt auf den Punkt.

Therese Giehse starb 1975, drei Tage vor ihrem 77. Geburtstag. Während der Gedenkfeier in den Münchner Kammerspielen brach der Regisseur Paul Verhoeven gleich zu Beginn seiner Trauerrede an einem Herzanfall tot zusammen. Therese Giehse wurde auf eigenen Wunsch auf dem Friedhof Fluntern in Zürich beigesetzt.

Übrigens: 2019 ist das Hotel "Les Roches fleuries" (später Hotel "Les Roches") – einziger physischer Zeuge der damaligen schicksalhaften Ereignisse – dem Erdboden gleichgemacht worden, um einem neuen Hotel-Komplex "pieds dans l’eau" zu weichen. Ein Vertreter des Bauherren wunderte sich schulterzuckend auf die RZ-Anfrage, ob eventuell an eine Gedenktafel gedacht sei: "Thomas Mann? – Nie gehört!"


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