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Angst vor sozialen Netzwerken: "Oben ohne" an Südfrankreichs Stränden nicht mehr angesagt

Aktualisiert: 27. Aug. 2021

Oben ohne – einst normal an den Stränden der Côte d'Azur – ist out. Grund dafür ist einer Umfrage zufolge nicht wieder aufkommende Prüderei, sondern die Sorge vor Belästigungen und Gaffern. Ansatzweise zeichnete sich der Trend schon vor knapp zehn Jahren ab, wie wir damals berichteten. Auch Zeitschriften wie "Elle" und "Marie Claire" hatten das beobachtet. An mehreren Stränden der französischen Mittelmeerküste war Nacktbaden offiziell verboten. Jetzt ist die Abkehr von Freikörperkultur jeder Art durch eine aktuelle Umfrage belegt, deren Ergebnisse in dieser Woche auch die deutsche Presse umtreiben.


Offiziell tabu ist das Nacktbaden an den Stränden von Bormes-les-Mimosas bei Saint-Tropez im Departement Var. Foto: AS

Nur 19 Prozent der Frauen legen sich in Frankreich nach eigenen Angaben noch topless ans Wasser – vor zwölf Jahren waren das noch 34 Prozent, wie die Zeitung »Le Parisien« unter Verweis auf eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop berichtete. In der Altersgruppe von 18 bis 49 Jahren sank der Anteil von 43 Prozent im Jahr 1984 auf heute nur noch 16 Prozent. Ein entscheidender Grund dafür sei, dass Frauen sich vor Belästigungen oder Bloßstellungen durch illegitime Fotos in sozialen Medien fürchten.

Für die repräsentative Umfrage waren am 7. und 8. Juli 1500 Frauen in Frankreich ab 18 Jahren befragt worden. Danach argwöhnt jede zweite Frau unter 25, beim Oben-ohne-Baden Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt oder von Männern angegafft zu werden. Fast jede zweite junge Frau hat außerdem Angst, dass ein Foto von ihr ohne Oberteil im Internet landet.

Aufgeben, wofür die heute Alten einst gekämpft haben


»Indem sie sich nicht oben ohne zeigen, scheinen diese jungen Frauen die Risiken verinnerlicht zu haben, die auf all jenen lasten, die versuchen, sich von den Sittsamkeitsvorschriften zu befreien, die Frauen an öffentlichen Orten auferlegt werden«, sagte Ifop-Studienleiter François Kraus. Während befragte jüngere Frauen vor allem über Unannehmlichkeiten nach dem Ablegen des Oberteils berichteten, ärgerte sich eine pensionierte Lehrerin. »Wie traurig und ärgerlich – wir, die Alten, haben dafür gekämpft, damit die Frauen alle Möglichkeiten erhielten: abtreiben, die Pille nehmen, ohne die Erlaubnis des Mannes arbeiten, einschließlich des Rechts, seinen Körper zu zeigen.«

An der Côte d’Azur werden Frauen immer seltener oben ohne gesehen, hatten wir schon im August 2014 geschrieben. An mehreren Stränden sei das Nacktbaden inzwischen strikt verboten. "Oben ohne" sei nur noch bei 60- bis 70-jährigen Strandbesucherinnen beliebt. Vor allem Frauen, die die Sex-Revolution der 1970er-Jahre miterlebt hätten, hätten keine Hemmungen, zwischen anderen Badegästen die Hüllen fallen zu lassen.

Christophe Colera, Soziologe an der Universität Strasbourg, hatte schon vor zehn Jahren eine Erklärung für das Anti-Topless-Phänomen. Nämlich, dass sich junge Mädchen wegen der sozialen Netzwerke nicht mehr trauen, mit nacktem Busen zu sonnen. „Die Gefahr, von anderen Touristen fotografiert und bis ans Ende ihrer Tage leicht bekleidet im Internet verewigt zu werden, ist ihnen zu groß“, glaubte der Wissenschaftler, was sich jetzt bestätigt. Nach Ansicht der Zeitung „Figaro“ könnten – wie in den USA – bei der neuen Scham auch religiöse Ansichten eine Rolle spielen.


In Bormes-les-Mimosas sprach der Bürgermeister ein Machtwort

Komplett tabu ist das Nacktbaden in Bormes-les-Mimosas bei Saint-Tropez im Departement Var. Dort hatte Bürgermeister François Arizzi ein rigoroses FKK-Verbot für Männer, Frauen und Kinder durchgesetzt. Nudisten, die sich regelmäßig an einem bestimmen Strandabschnitt trafen, waren dem Lokalpolitiker schon lange ein Dorn im Auge gewesen.

Die Verordnung sorgte für Empörung. „Wir sind keine Exhibitionisten, wir kommen nur hierher, um das Gefühl von Freiheit zu genießen. Und die vermittelt uns der Naturismus“, sagte eine Strandbesucherin. „Es gab nie Feindseligkeiten zwischen bekleideten und unbekleideten Strandbesuchern.“

Dieser Meinung schließt sich Arizzi nicht an. Im Gespräch mit lokalen Medien behauptet er, zahlreiche Beschwerden von Touristen erhalten zu haben, die Freikörperkultur für unangemessen hielten.

Auf der Insel Levant direkt vor Bormes-les-Mimosas gibt es indessen noch ein ganzes Nudistendorf („Heliopolis“), das – umgekehrt – aus seinem Widerwillen gegen bekleidete Besucher kein Hehl macht.

Rolf Liffers

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