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Arte: "Ein Streifen Südsüße" mit bitterem Beigeschmack

Der deutsch-französische Fernsehsender Arte hat sein aktuelles November-Magazin unter das Motto "Côte d’Azur – mon amour" gestellt. Es soll der Frage nachgegangen werden, "was dran ist am ewigen Mythos von Frankreichs Riviera". Auf der Titelseite des Arte-Magazins – wie auch anders? – die Oberikone vom Dienst, Brigitte Bardot, nach wie vor Aushängeschild von Saint-Tropez, das sie geblieben ist, obwohl sie andauernd mit rassistischen Äußerungen aus der Rolle fällt.

Bereits im Editorial des Programmhefts schwärmt Arte-Präsident Bruno Patino von dem "idealen Ort, um die Leichtigkeit des Seins zu vergessen". Der Journalist Dmitrij Kapitelman indessen geht die Sache kritisch an. In einer "humorvollen literarischen Erkundung des Phänomens" (Patino) kratzt er am schönen Schein. "Hat die Côte d’Azur tatsächlich noch ihre Strahlkraft?“, will der Schriftsteller wissen. In der Gesellschaftsspalte fasst er seine Eindrücke unter der Überschrift "Ein Streifen Südsüße" zusammen.

Die Dokumentation beginnt mit ein paar Fakten. Danach beträgt die Arbeitslosenquote von Monaco statistisch null und höchstens zwei Prozent. Vollbeschäftigung also im Fürstentum, "Mekka der Werktätigen". Unter den Decks der Yachten werde eifrig "Kohle geschaufelt". Connexion Emploi, eine deutsch-französische Jobbörse schreibt: Mit dieser Arbeitslosenquote "lebt die Stadt einzig und allein vom erwirtschafteten Kapital". Wen aber schert das? Will Kapitelman herausfinden.

Aus dem Arte-November-Heft. Repro: RL


Wer wolle in Nizza schon an orthopädische Schuhe denken oder gar an ergonomische Krückengriffe. Und Saint-Tropez werde den Tag nicht erleben, "an dem jemand an Rübensuppe denkt", obwohl es bestimmt auch dort Leute gebe, die hierfür sicher dankbar sein würden. Unbestreitbar sei auch, dass sich mancher Schuheinlagen wünsche, sie sich aber nicht leisten könne. Und, ja, in Monaco schindet sich unzweifelhaft "eine ganze Menge Arbeitnehmer, die ekelhaft prekär verschlissen wird" und ganz gewiss nicht von bereits erwirtschaftetem Kapital "vor sich hinfürstet". Aber die unzähligen verklärenden Legenden verklebten die Augen und wollten die Wirklichkeit vertuschen. Und sollte Cannes nächstes Jahr in Castrop-Rauxel umgebaut werden, "wir würden es vielleicht niemals zur Kenntnis nehmen", argwöhnt Kapitelman.

Wahr ist indes auch, "dass er nicht viel Neues sagt", räumt der Autor an anderer Stelle selbst ein. Zählt dann aber die altbekannten Schandflecken und Bausünden auf, die bis hin nach La Grande Motte begangen worden sind.


Die wahre Schönheit der Côte d’Azur wird sich jedoch nur dem erschließen, der hier wohnt und lebt, meint

Rolf Liffers

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