Suche
  • RivieraZeit editorial

Buchmesse von Toulon zeigt junges Gesicht: von Leopardenkindern und Prinzen aus Perlmutt

Zehntausende sind im November wieder zur traditionsreichen Buchmesse in Toulon (Fête du livre du Var) gepilgert. Der literarische Nachholbedarf bei den Leseratten war groß, war das "Fest" im vorigen Jahr doch Covid zum Opfer gefallen. Diesmal zeigte die dreitägige Veranstaltung mit 250 geladenen Autoren ein besonders junges Gesicht.

Verströmten große Heiterkeit: Die jungen Manga-Macher auf der Buchmesse von Toulon. Sie wurden von Hunderten von Schülern belagert wie Jahyra, die mit ihrer flinken Feder die Bilder zu Jeans Lorrains "Prinzen aus Perlmutt und Liebkosung" geschaffen hat. Foto: R. Liffers

Es gab Vorträge zur Jugendliteratur, Schreibschulen "für junge Federn", Slams zum Thema "Petit Prince", eine "Battle dessinée" Comic gegen Manga, Diskussionen über Algorithmen und Künstliche Intelligenz, Science Fiction und Erderwärmung, Pop-Up und grafische Romane. Schüler, denen nachgesagt wird, ums gedruckte Wort eher einen großen Bogen zu schlagen, standen vor Ständen von Autoren Schlange. Zugegeben: Es waren weniger die großen Epiker, von denen sie sich angezogen fühlten. Es war mehr die Bildsprache ihrer Tage, die sie reizte. Und da waren Mangas nicht zu toppen, Comics nach japanischem Vorbild.

Und während sich die Alten Widmungen in Romane bekannter Autoren kritzeln ließen, war die Jugend scharf auf Originalcartoons ihrer Lieblingsillustratoren. Und die wiederum waren kaum älter als sie selbst.



Fantasy hoch drei

Die Dominanz des Grenobler Glénat-Verlags auf dem Gebiet der Mangas war dabei nicht zu übersehen. Gründer ist der passionierte Comiczeichner Jacques Glénat, der 1969 – damals noch Schüler – das Fanzine "Schtroumpf" herausbrachte. Während seines Studiums veröffentlichte er "Les Gnan-Gnan", das erste Album von Claire Bretécher. Übrigens: Fanzine ist – wie ich lernen musste – ein Kofferwort aus fan und magazine.

VanRah/Guillaume Dorisons "Ayakashi" spielt Anfang des 18. Jahrhunderts. Japan wird damals von diesen dämonischen Kreaturen überfallen. Als heiliger Krieger mit ungeheurer Durchschlagskraft jagt Hiro diese Monster. Doch als sich sein Weg mit dem einer Priesterin kreuzt, die mit den Angreifern unter einer Decke steckt, wendet sich das Blatt.

Jahyra hat mit ihrer flinken Feder die Bilder zu Jeans Lorrains "Prinzen aus Perlmutt und Liebkosung" geschaffen. Ich sage nur: Fantasy hoch drei.


Gallimard Jeunesse bietet Erics Babins "Josephine Baker" in leicht verdaulichen Bildchen von Camille de Cussac an. So wird verständlich, das die schwarze Tänzerin, die jahrelang an der französischen Mittelmeerküste lebte, auch eine engagierte Widerstandskämpferin war, die in dieser Woche als erste schwarze Frau und erste Bühnenkünstlerin ins Pariser Pantheon eingegangen ist.



Gleich nebenan bietet Gallimard Jeunesse Erics Babins "Josephine Baker" in leicht verdaulichen Bildchen von Camille de Cussac an. Passt wunderbar zur aktuellen Aufnahme der lange verkannten franko-amerikanischen Tänzerin und Widerstandkämpferin ins Pariser Pantheon der französischen Götter.



Messe-Präsident Picouly betextet Comic


Selbst der arrivierte Star und Präsident der Messe, Daniel Picouly (Foto), konnte sich des Comics nicht ganz versagen. Passend zum Fest betextete er Frédéric Pillots Comic "Tilou Bleu bereitet Weihnachten vor". (Fotos: R. Liffers)


Der Romancier Daniel Picouly hatte durchaus auch in Deutschland Erfolg. Zum Beispiel mit "L'Enfant léopard" ("Leopardenkind") – bei Grasset erschienen und dem Prix Renaudot ausgezeichnet. Darin schildert er die dramatische Suche nach einem kleinen Mischling wenige Stunden vor der Hinrichtung Marie-Antoinettes. Sein Buch "Fängt ja gut an, das Leben" beschreibt eine Vorstadtkindheit der fünfziger Jahre: ein schwarzer Vater aus Martinique, der im Krieg Eisenbahnen sabotiert und De Gaulle das Leben gerettet hat, eine französische Mutter, die die besten Kirschaufläufe backt und fliegen kann wie Peter Pan. Der Autor erzählt von einer Kindheit, die seine eigene war. "Picoulys Beobachtungen bezaubern, je länger man sie liest und je tiefer man in dieses Buch und das Leben dieser wunderbaren Familie eintaucht", urteilt Elke Heidenreich.

Auf Befragen war Picouly in Toulon zu entlocken, dass er soeben einen neuen autobiografischen Roman vollendet hat. Er heißt "Die Tränen des Weins" und wird im Januar bei Albin Michel erscheinen.

Der Preis "Encre Marine", einzige Auszeichnung in Frankreich für ein Meeres-Buch, ging dieses Jahr an Christophe Migeon. Die im Paulsen Verlag auch auf Deutsch erschienene etwas verrückte, aber wahre Geschichte erzählt vom Leben eines Astronomen und Abenteurers aus dem 18. Jahrhundert, der sein ganzes Leben lang vergeblich nach den Sternen gegriffen hat. Der Pechvogel und folglich vergessene Entdecker ist der unglückliche Held der französischen Wissenschaftsgeschichte überhaupt, kommentierte Vizeadmiral Gilles Boidevezi, Vorsitzender der Jury von "Encre Marine", in Toulon in seiner Laudatio.



Tod der Bouquinisten?

Übrigens: Das einst so spannende, aber schon seit längerem schwindsüchtige Messe-Quartier der Bouquinisten war in diesem Jahr auf einen einzigen Aussteller geschrumpft. Schade drum, aber wohl Zeichen der Zeit.

Rolf Liffers

29 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen