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Charlie Watts ist tot – Erinnerungen an wilde Jahre in Villefranche-sur-Mer

Südfankreich. Genau 50 Jahre ist es nun her – da waren die Rolling Stones fast am Ende. Von ihrem drogenbestimmten Lotterleben an der Côte d’Azur gezeichnet, rechnete kaum mehr jemand mehr mit einem Comeback. Doch bald waren sie wieder ganz oben! Jetzt steht die legendäre Rockgruppe erneut an einem Wendepunkt, wenn nicht gar vor dem endgültigen Ende. Denn ihr Drummer Charlie Watts, der praktisch von Anfang an dabei war und als "Seele" der englischen Band galt, ist in dieser Woche mit 80 Jahren in London gestorben. Ohne ihren Taktgeber verliert die Gruppe ihr rhythmisches Fundament.

Von Rolf Liffers


Charlie Watts im Januar 2010. Foto: Poiseon Bild & Text (press photo by a photographer of the consulting company Poiseon AG in St. Gallen, Switzerland)) (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Charlie_Watts_on_drums_The_ABC_&_D_of_Boogie_Woogie_(2010).jpg), „Charlie Watts on drums The ABC & D of Boogie Woogie (2010)“, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode

"Es gibt Menschen, von denen kann man sich gar nicht vorstellen, dass sie irgendwann mal sterben", schrieb die Süddeutsche Zeitung und sprach damit Millionen von erschütterten Fans aus der Seele. Wer ihn sah, konnte sich kaum vorstellen, dass er im Rock’n’Roll-Circus mitmimte. In der Tat hatte der Brite die Ausstrahlung eines englischen Gentleman, fanden auch die Medien. Ganz im Unterschied zu Mick Jagger und Keith Richards wirkte eher unauffällig, war stets elegant und dezent gekleidet. Doch Anfang der Siebzigerjahre, als sich die ausgeflippte Truppe auf Schloss Nellcôte in Villefranche-sur-Mer zwischen Nizza und Monaco austobte, war auch er auf die schiefe Ebene geraten und den Drogen verfallen.

Watts aber kämpfte gegen seine Alkoholsucht und versuchte, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Obwohl 1971 in der üppigen Mietvilla Nellcôte durchaus Platz für alle an den Stones beteiligten Wilden gewesen wäre, nistete er sich in vielleicht weiser Voraussicht im Departement Vaucluse in der Provence ein.

Damals hatten die Stones mit krassen Steuer- und Drogenproblemen zu kämpfen, standen ständig im Visier der Polizei. In ihrer britischen Heimat waren die Musiker – respektive der damals 28-jährige Bandmitbegründer Keith Richards ("Angie") – unerwünscht. Also gingen sie ins Exil, ließen sich an der Côte d’Azur nieder, arbeiteten (wie) im Rausch an einem neuen Album mit dem beziehungsreichen Titel "Exile on Main St.". Mit einem Rennboot machten sie den Küstenabschnitt zwischen Menton und Marseille unsicher, sprachen von ihrer "Mainstreet Riviera".

Mick Jagger, Ronnie Wood, Keith Richards und Charlie Watts (v.l.) nach einer Show im Mai 2018 in London. Raph_PH (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rolling_Stones_bow_post-show_22_May_2018_in_London_(41437870275).jpg), „Rolling Stones bow post-show 22 May 2018 in London (41437870275)“, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode

Sie mobilisierten Drogendealer, stellten in Saint-Tropez den Mädchen nach, besuchten Bordelle, ließen sich in Schlägereien verwickeln und hatten ewig Theater mit der Justiz. Am Ende flogen sie auch aus Frankreich raus. In den USA, wohin sie sich zur nächsten Tournee (und neuen Entgiftungsversuchen) verflüchtigten, war vorerst Schluss mit lustig, als Richards Visum ablief. Und weil sie nach England und Frankreich nicht mehr einreisen durften, wichen die Stones in die Schweiz aus. In seiner Biographie schildert Richards detailliert die Abenteuer seiner Freunde in und um das von ihm für viele "Tausenddollarscheine" gemietete "Glitzerschloss Nellcôte am Fuß des Cap Ferrat mit schönem Blick auf die Bucht von Villefranche".

Der Flucht nach Frankreich war allerlei Ärger vorausgegangen. Der ewige Feldzug der Polizei "gegen die Plage der Junkie-Gitarristen" sowie die späte Erkenntnis, von ihrem Manager Allen Klein derart "über den Tisch gezogen worden zu sein", dass ihm "am Schluss alle Rechte an unserem gesamten Werk gehörten" (Richards). Und dann der Dauerstress mit den Finanzbehörden. "Anfang der Siebzigerjahre lag der Spitzensteuersatz in England bei 83 Prozent, für Investitionen und für das so genannte unverdiente Einkommen sogar bei bis zu 98 Prozent", was Richards als "ziemlich unverblümte Herausforderung" verstand, "das Land zu verlassen". Keine Chance dort, "von unserem Schuldenberg" herunterzukommen. "Also packten wir unsere Sachen."

Die Stones in Südfrankreich

Auch Bassist Bill Wyman etablierte sich nicht auf Nellcôte, sondern irgendwo im Hügelland bei Grasse. Dort freundete er sich mit dem surrealistischen Maler Marc Chagall an – "das schrägste Pärchen der Menschheitsgeschichte" (Richards). Mick Jagger hauste plötzlich im Hotel Byblos in Saint-Tropez, wo er am 12. Mai 1971 seine Bianca ehelichte. Nach der Hochzeit mit seiner nicaraguanischen Verlobten bezieht er ein Haus von Fürst Rainiers Onkel und später dann die Villa einer Madame Tolstoi. Micks Hochzeit hat Keith in ganz fürchterlicher Erinnerung: Heere von "Fotografen verstopften die Straßen von Saint-Tropez, von der Kirche bis zum Rathaus tobte ein erbarmungsloser Kampf Mann gegen Mann".


Keith tauchte ab, überließ seine "Rolle als stellvertretender Trauzeuge" Micks Freund, dem Saxophonisten Bobby Keys. Eigentlicher Trauzeuge war Roger Vadim. Als Biancas Brautjungfer fungierte Nathalie Delon, "ein wunderschönes Mädchen und Noch-Ehefrau des Filmstars Alain Delon", in die sich Bobby sofort total verknallt.

Das war durchaus nicht ungefährlich. Denn Nathalie und Alain standen im Mittelpunkt eines Skandals, in den auch der französische Premier Georges Pompidou sowie "die komplette kriminelle Unterwelt zwischen Marseille und Paris verstrickt war". Nach einer kurzen Affäre mit Nathalie hatte man Delons jugoslawischen Leibwächter erschossen auf einer Pariser Müllkippe entdeckt.

Doch der nichtsahnende Bobby war nicht mehr zu bremsen: Bei der Hochzeitsparty blies er sich für Nathalie die Lunge aus dem Leib. Als die Arbeit an dem neuen Album auf Nellcôte weitergeht, war er nicht nur selbst zur Stelle, sondern auch Nathalie, die ganz in der Nähe bei Bianca wohnte. Bobby und Nathalie waren glücklich, heizten mit einem dicken Motorrad die Côte d’Azur rauf und runter, verpassten sich ab und zu gegenseitig einen kleinen Schuss Heroin ins Hinterteil. Entsprechend schwer litt Bobby, als Nathalie plötzlich Schluss macht – wie sich später herausstellt, um ihn vor möglichen Attacken aus der Drogenmafia zu retten.


Das Tor zur einstigen Stones-Villa "Nellcôte" in Villefranche-sur-Mer. Foto: Gudrun Schwartz (gudrunfromberlin) (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gates_of_Nellcôte_1.jpg), „Gates of Nellcôte 1“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/legalcode

Keith leistet sich für Nellcôte das sechs Meter lange Schnellboot Mandrax 2, komplett aus Mahagoni. „Alle sprangen mit rein, Bobby Keys, ich, Mick, wer eben grade Lust hatte. Mal ging es zum Frühstück nach Menton, zum Mittagessen nach Monte-Carlo, auf eine Plauderei mit Onassis’ und Niarchos’ Truppe. "Der Wasserweg – also die Riviera – war unsere Mainstreet", erinnert sich der damals rauschgiftabhängige Richards. "Wir ließen uns treiben. Auf nach Antibes. Oder nach Saint-Tropez, um Weiber zu besichtigen." Im Hafen von Villefranche-sur-Mer, "Lieblingsspielplatz der US-Navy, verrieten wir bekifften Matrosen gegen eine Tüte Gras die besten Puffs, die Cacao Bar und das Brass Ring. Aus Nizza und Monte-Carlo rollten die Nutten an, dazu sämtliche Huren, die Cannes zu bieten hatte“.

Die (Nacht-)Arbeit an dem neuen Album läuft wie am Schnürchen, wenn auch unter teilweise chaotischen technischen Bedingungen, weil sich die Band des eigenen mobilen Studiotrucks bedient, statt – wie ursprünglich geplant – in Nizza oder Cannes teure Aufnahmestudios zu mieten.

Im folgenden Winter wird den Musikern auf Nellcôte trotz gesunkener Außentemperaturen der Boden zu heiß. Die Drogenfahnder sitzen ihnen im Nacken. Einbrecher stehlen Keith ein Großteil seiner Gitarren. Zugleich ermittelt die Staatsanwaltschaft in Nizza gegen die Mitglieder des "Beduinenlagers" auf Speed. Ein Anwalt, der für Charles de Gaulle gearbeitet hat und Busenfreund von Premierminister Chaban-Delmas gewesen war, haut sie jedoch raus.

Anstatt für einige Jahre ins Gefängnis zu wandern, kam es nur zu einer rechtlichen Vereinbarung. Danach musste Richards bis zum Widerruf französischem Territorium fernbleiben und als eine Art Kaution weiter wöchentlich 2400 Dollar Miete für Nellcôte berappen.

"Wir hatten das Gefühl, dass es uns nach Frankreich verschlagen hatte, um dort etwas Besonderes auf die Beine zu stellen", sagte Richards Jahre später. Nach etlichen erfolglosen Entziehungskuren ist er seit 1979 clean. "Und das ist uns mit Exile on Main St. gelungen; es gehört zum Besten, was wir je gemacht haben."

Einen Fuß zumindest haben die Stones noch heute an der Côte d’Azur: Mick Jaggers Ex Jerry Hall hat ein Haus in Le Lavandou, am Strand von Saint-Clair.



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