Suche
  • astoeckmann

Deutschlands berühmtester Karnevals-Wagenbauer tankt in Italien auf

LIGURIEN


Jacques Tilly hat sein Herz an Ligurien verloren. Dort kommen dem Düsseldorfer Ideen für seine Werke, dort genießt er das einfache Dorfleben. Heute werden trotz Coronapandemie und abgesagtem Rosenmontagszug einige seiner Mottowagen durch seine Heimatstadt rollen.


Von Susanne Altweger-Minet


„Den Rosenmontagszug 2021 mussten wir leider absagen, aber die Narrenfreiheit lassen wir uns nicht nehmen“, so CC-Präsident Michael Laumen

Corona Jacques Tilly
Jacques Tillys Corona-Wagen erlangte 2020 überregionale Berühmtheit. Foto: DR

Das Comitee Düsseldorfer Carneval (CC) schickt am heutigen Rosenmontag acht von Satiriker Jacques Tilly gestaltete Mottowagen auf Tour. Zwei Stunden lang sollen sie durch die Düsseldorfer Innenstadt fahren – nicht im Konvoi, sondern einzeln auf drei verschiedenen Routen auf Anhängern, wie der CC-Geschäftsführer Hans-Jürgen Tüllmann am Freitag der lokalen Presse mitteilte. So solle verhindert werden, dass sich Zuschauergruppen bildeten und gegen geltende Corona-Regeln und Einschränkungen verstoßen werde.

Denn tatsächlich entfällt dieses Jahr der Karneval in den rheinischen Hochburgen ebenso wie in Nizza und all den anderen Orten an der Côte d’Azur.


Jacques Tilly ist in Düsseldorf sprichwörtlich bekannt wie der bunte Hund. Zufällig erfuhr unsere Autorin, dass er sich gerne in sein ligurisches Domizil in Conio oberhalb von Imperia zurückzieht, um Kraft zu schöpfen. Hier, in der Abgeschiedenheit des Bergdorfes am Ende des Maro-Tales, sucht und findet er zurückgezogen Ideen für neue Projekte.


Jacques Tilly
Jacques Tilly. Foto: DR

„Wieso gerade dort?“ wollen wir als erstes wissen. „Zufall.“ Tilly begann sehr jung mit dem Wagenbau. Und ein älterer Mitarbeiter, der sich das Haus in Italien in den 80er-Jahren gekauft hatte, lud ihn öfters ein. 2013 verkaufte er ihm das 650 Meter über dem Meer gelegene alte Häuschen mit dem wunderbaren Ausblick. „Fuchs und Hase sagen sich hier gute Nacht“, meint Jacques Tilly lachend. „Längst gibt es wie in vielen ligurischen Bergdörfern keine Infrastruktur mehr. Gerade das einfache Leben aber hilft mir die Batterien aufzuladen. Außerdem tut mir die Anstrengung in der steilen Bergwelt gut. Ich jogge durch die Wälder und dann bin ich topfit.“


Dörfer werden zu Antiquitäten


Aber er beobachtet auch, wie sich seit 30 Jahren das Dorfleben verändert. Die Alten sterben weg und die Jungen ziehen in die Stadt, um Arbeits-Möglichkeiten zu finden. Es gibt immer weniger Dorfleben, nur die Feste bleiben. Die Dörfer, wie auch zum Beispiel das wunderbare Montalto, werden zu Antiquitäten.


Und wie gefällt Deutschlands prominentestem Wagenbauer der Karneval im Süden? Zögerlich, aber bestimmt gesteht er, dazu keine Beziehung zu haben. Seine Passion seien nun mal die bissig-satirischen Wagen, die die Politik aufs Korn nehmen. Dem rein Dekorativen „mit kitschig südländischen Elfen und Prinzesschen“ kann er wenig abgewinnen. Dagegen fasziniere ihn der Karneval von Viareggio in der Toskana mit seinen bis 25 Meter hohen Wagen. „Ich war oft dort und habe mich mit den Wagenbauern unterhalten. Sie haben sogar für mich und meine Mitarbeiter Kurse veranstaltet.“


Der Karneval in Viareggio ist ebenfalls hochpolitisch und klagt humoristisch überhöht Missstände an. Berühmt wurde im letzten Karneval zum Beispiel der Wagen mit einem riesigen Wal aus Plastikmüll. Und natürlich Trump. Immer wieder Trump. „Der hat Heerscharen von Satirikern vier Jahre ernährt. Trotzdem bin ich froh, dass ich mich nun nicht mehr an ihm abarbeiten muss.“


Sicherlich, Tilly hätte auch für dieses Jahr jede Menge andere Ziele für seine 3D-Karikaturen gefunden. Nun konnte er immerhin acht Ideen Corona zum Trotz doch umsetzen. Er sei allerdings glücklich, fügt er an, dass sein Team nicht nur für den Karneval arbeitet, sondern auch für andere Auftraggeber wie zum Beispiel den ZDF-Fernsehgarten, aber auch NGOs wie etwa Greenpeace, die ihm am Herzen liegen.


Corona-Wagen erhielt überregionale Berühmtheit


Trotzdem, der „Zoch“, der berühmte Düsseldorfer Rosenmontagszug, fehlt einfach emotional. Er bestimmte stets den Jahresrhythmus für Tilly und sein Team. Die Wagen sind dabei so aktuell, dass sie oft bis wenige Tage vor Rosenmontag neu gebaut werden, wenn sich politisch etwas Brisantes tut. Im letzten Februar erlangte Tillys Corona-Wagen überregionale Berühmtheit – er war weltweit der einzige, der zu Corona gebaut wurde.



Jacques Tilly in seinem Haus in Ligurien

Die Politik aller Länder wird aufs Korn genommen. Tilly sieht Satire als Stärkung des Immunsystems gegen totalitäre und autoritäre Bestrebungen. Dabei gelte es, polemisch zugespitzte Aussagen auf den Punkt zu bringen. Das gelingt Tilly so gut, dass schon mal Wagen exportiert wurden – wie etwa nach London zum Kampf der Europafreunde gegen die Brexit-Befürworter oder nach Polen, wo die Gegner der Pis-Partei damit demonstrierten.


Das alles ist für Tilly und sein Team eine starke Bestätigung. Allein im Jahr 2019 berichtete die Weltpresse in 1500 Artikeln über die einprägsamen Düsseldorfer Wagen. „Ohne mein fabelhaftes Team könnte ich das alles nicht schaffen“, sagt der Künstler, der auch schriftstellerisch tätig ist. Eben ist sein fünftes Buch erschienen, das Einblicke in die Wagenbauhalle gibt, mit dem doppeldeutigen Titel „MEHR WAGEN“.


„Geschmacklosigkeit ist mein Markenzeichen.“ Jacques Tilly

Bei allen überregionalen Erfolgen ist Tilly bescheiden und geerdet geblieben. Zur Verleihung eines Preises für Menschenrechte durch Amnesty International meint er, Menschen, die sich in Gefahr begeben, hätten ihn wohl eher verdient. Gelegentlich bekomme er Shitstorms, mit denen er jedoch gelassen umgehe. Da er nach allen Seiten austeile, komme Kritik auch aus allen politischen Richtungen. So hat natürlich auch Salvini schon sein Fett wegbekommen. „Hat mir durchaus Spaß gemacht, ihm in die Suppe zu spucken“, meint Tilly verschmitzt. „Danach ging es in der italienischen Presse rund.“


Grundsätzlich kommt Tilly mit der italienischen Mentalität gut klar. „Man ist freundlich zueinander, wir Deutschen lieben Italien und Italien respektiert uns.“ Er ist froh, keinen Dünkel zu erleben. „Für die Italiener ist wichtig, dass man ein großzügiger, offenherziger Mensch ist. Man wird nicht am Geld oder Status gemessen. Es geht herzlich, menschlich und lebendig zu. Für uns Deutsche ist es ein fast utopisches Land, an dem wir lernen können, wie wir nicht sind.“




2021 ohne Karneval


Schon Ende vergangenen Jahres stand im Süden fest: Der Karneval, Nizzas publikumsträchtigstes Event des Jahres, fällt 2021 dort und überall sonst an der Côte d’Azur aus – wie auch die übrigen Feste zum Frühlingsauftakt, von der Fête du Citron in Menton über die Mimosen-Festivals bis zum Veilchen-Fest in Tourrettes-sur-Loup.