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«Ein ganz normaler Mensch» … als Top-Diplomat: Deutschlands Botschafter im RZ-Gespräch

Seit mittlerweile fast zwölf Monaten ist Dr. Hans-Dieter Lucas der persönliche Repräsentant des Bundespräsidenten in Frankreich und Monaco. Am Rande seines Antrittsbesuchs im Fürstentum gab der Diplomat Einblicke in seinen neuen Job – wo die Aufgabenpalette von Rüstungsprojekten bis zur Pflege der deutschen Sprache reicht. Eine Rückschau auf sein Treffen mit der RIVIERAZEIT im Februar 2021.


Von Aila Stöckmann


Botschafter Dr. Hans-Dieter Lucas © DR

Monaco, Hotel Hermitage, Pressetermin zwischen zwei Meetings. Der Tag des Botschafters ist durchgetaktet von frühmorgens bis spätabends, und doch sei dies eine «klar angenehme» Dienstreise, sagt Hans-Dieter Lucas zu Beginn unseres Gesprächs. Nicht nur, weil er seit Amtsantritt als offizieller Vertreter der Bundesrepublik Deutschland in Paris im vergangenen September wegen der Pandemie kaum rauskam. Sondern vor allem auch deshalb, weil es sonst oft um die große Politik geht, um Krisenherde, um gemeinsame Kämpfe an verschiedenen Fronten.


Heute, in Monaco, steht vor allem gegenseitiges Kennenlernen auf dem Programm, protokollarisch dirigierte Gespräche auf dem diplomatischen Parkett. Wohlwollen auf ganzer Linie, keine Konflikte, die auszutragen wären. Mit Fürst Albert, das darf der Botschafter verraten, hat er sich nach dem hoch offiziellen Teil am Vormittag noch über «Privates» unterhalten. Auch das gehört zum Protokoll, aber die Inhalte sind tatsächlich den beiden Gesprächspartnern überlassen.


Der deutsche Botschafter (r.) übergibt dem Fürsten von Monaco sein vom Bundespräsidenten unterzeichnetes Beglaubigungsschreiben. Diese sogenannte Akkreditierung ist Teil der protokollarischen Zeremonie vor Amtsantritt eines neuen Botschafters. Ein deutscher Botschafter ist im Ausland der persönliche Vertreter des Bundespräsidenten bei einem fremden Staatsoberhaupt. © Gaetan Luci, Palais Princier

So ging es im Familiensalon des Palastes dann zwar nicht um die Kinder des Fürsten, aber beispielsweise um den deutschen Segler Boris Herrmann, der mit seinem monegassischen Boot wenige Tage zuvor nach seiner Weltumrundung im französischen Ziel eingetroffen war. Auch das Steckenpferd des Fürsten kam zur Sprache: das umweltpolitische Engagement Alberts, welches, so versicherte ihm Lucas, in Deutschland hoch anerkannt werde. Und schließlich – kein Smalltalk ohne Corona – wurde die Pandemielage in beiden Ländern angerissen.


Auch Hans-Dieter Lucas’ Amtsantritt und die ersten Monate in Paris waren von der besonderen Situation gekennzeichnet. «Normalerweise empfangen wir jede Woche Minister oder Ministerpräsidenten aus Deutschland, und es gibt regelmäßig Empfänge und Konferenzen in der Botschafter-Residenz Palais Beauharnais», so Lucas. Sein Vorgänger, Nikolaus Meyer-Landrut, hätte vor Corona 7000 bis 8000 Gäste pro Jahr willkommen geheißen. All das finde derzeit nicht oder nur im ganz kleinen Rahmen statt. Stattdessen standen Antrittsbesuche im Dienste der deutsch-französischen Beziehungen auf dem Programm – bei Ministern, hohen Beamten, bei Unternehmenschefs und Kulturvertretern. Unabhängig von der Pandemie blieben große internationale und wirtschaftspolitische Fragen ebenso wie die französische Innenpolitik die Agenda bestimmenden Themen.

«Als deutscher Botschafter hat man ein enorm breites Feld zu bearbeiten», sagt Lucas. «Es geht von den Kulturbeziehungen bis zu gemeinsamen Rüstungsprojekten.»



Alle Wege führen nach … Frankreich


«Frankreich ist eine alte Liebe von mir», gesteht der neue Botschafter. Einen Teil seines Studiums hat er in den 1980er-Jahren hier absolviert, seine Doktorarbeit über ein französisches Thema (De Gaulle) geschrieben, und er ist selbst im Raum Aachen, unweit der Grenze zum Nachbarland, groß geworden. Trotzdem gehört mehr als ein persönliches Faible dazu, will man einen der weltweit begehrtesten Botschafter-Posten ergattern.


Überzeugt davon, «dass das deutsch-französische Verhältnis absolut zentral ist für Europa, das es weiter zu stärken gilt», habe er gezielt auf den bilateralen Job hingearbeitet – auch wenn er in den vergangenen zehn Jahren, so der 61-Jährige, vor allem multilateral unterwegs gewesen sei: fünf Jahre bei der Nato, davor als politischer Direktor im Auswärtigen Amt und in Brüssel bei der EU. Außenminister und Bundeskanzlerin haben ihm schließlich ihr Vertrauen für Frankreich und damit gleichzeitig auch Monaco geschenkt, der Bundespräsident ernannte ihn.


Und schon befindet sich Lucas mittendrin im neuen Arbeitsalltag, beim Abstecken von Akzenten, die er im Laufe seiner Amtszeit setzen will.


Wichtig findet es der gebürtige Rheinländer, dass Deutschland und Frankreich im klassischen Außen- und sicherheitspolitischen Bereich noch stärker zusammenwirken auf dem Weg zu einem «Europe de la défense», wie Frankreich sage. Im gesellschaftlichen Bereich gelte es, den Vertrag von Aachen – Stichwort «Ausschuss für grenzüberschreitende Zusammenarbeit» und «Bürgerfonds» – mit Leben zu füllen. Sprich: die breite Bevölkerung rechts und links des Rheins stärker miteinander zu vernetzen. Dazu zähle auch das Erlernen der Sprache des Nachbarn: «Das ist ein Bereich, der mir Sorge macht.»



Sprachkenntnisse fördern


Auf beiden Seiten nehme das Interesse an der jeweils anderen Sprache ab – dabei sei sie die Grundlage für ein gegenseitiges Verständnis. Gegensteuern wolle man etwa durch mehr deutsch-französische und französisch-deutsche Schulen, aber auch im Bereich der beruflichen und der Hochschul-Bildung.


Grundsätzlich sei der «Nachwuchs» ein Thema: Die wichtigen Städtepartnerschaften, ein gesellschaftliches Fundament der deutsch-französischen Beziehung, die heute 50, 60, 70 Jahre alt würden, bräuchten vielerorts einen Generationswechsel. Wie aber das Jungvolk an Bord holen?


Eine Antwort laute «soziale Medien»: Sowohl Botschaft als auch die Generalkonsulate im Land wollen sich digitale Plattformen stärker zunutze machen. So twittert der Botschafter (@AmbDEenFR) neuerdings regelmäßig und gibt dabei spannende Einblicke in seine Arbeit, hier und da gewürzt mit einer politischen Aussage. Privat wie im allerersten Tweet am 13. Oktober 2020 wird’s da eher selten. Damals postete Lucas ein Foto, das seine Frau Eve und ihn mit den Rauhaardackeln Lucy und Truffe beim Einzug in die oberste Etage des Hôtel de Beauharnais zeigt. Natürlich durchaus bewusst – «um zu zeigen, dass wir auch ganz normale Menschen sind».


Im Hôtel Hermitage in Monaco fand das Treffen zwischen Botschafter Lucas und der RIVIERAZEIT statt. © AS

Positives Deutschlandbild


Noch mal zurück zur Sprache. Eine groß angelegte Studie des Marktforschungsinstituts Ifop (Institut français d’opinion publique) hat kürzlich ergeben, dass sich nur etwa ein Drittel der Franzosen für die deutsche Kultur oder Reisen in die BRD interessiere; noch viel geringer fiel das Interesse aus, sich potentiell beruflich Richtung Nachbarland zu orientieren.


Für Hans-Dieter Lucas bestätigen diese Zahlen, dass in puncto Sprachkompetenz zugelegt werden muss. Entscheidend am Studienergebnis aber seien für ihn die Sympathiewerte:

«91 Prozent der Franzosen haben ein ausgesprochen gutes Bild von Deutschland!»


Gerade bei den Jüngeren gebe es ein wachsendes Interesse, zitiert er, etwa an der deutschen Kultur und dem Sport, und Berlin habe eine große Ausstrahlwirkung: «Damit lässt sich arbeiten.»



Le couple franco-allemand


Selbst wenn das bilaterale Verhältnis für den Botschafter im Fokus steht, geht es mit Blick auf Europa immer auch um mehr. Das viel zitierte couple franco-allemand sei auch für ihn unabdingbar für Europa, quasi die Bedingung von allem, aber allein eben nicht ausreichend. «Ohne ein deutsch-französisches Einvernehmen kann man, glaube ich, in Europa keine großen Projekte voranbringen. Auf der anderen Seite funktioniert Europa nicht nur nach den Vorstellungen eines deutsch-französischen Direktoriums. Zum Schluss muss man immer alle 27 an Bord bekommen und einen Konsens finden.»


«Sehr beeindruckend» fand Hans-Dieter Lucas daher sein Treffen mit Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron im Zuge seiner Akkreditierung als Botschafter zu Beginn seiner Pariser Zeit – also das Pendant zum heutigen Termin in Monaco. Auch mit Macron führte er im Anschluss an die offizielle Zeremonie ein persönliches, «sehr freundliches» Gespräch, bei dem er den Präsidenten als überzeugten Europäer erlebte, für den das deutsch-französische Verhältnis von überragender Bedeutung ist.



Sehnsucht nach Volksnähe


Bei aller hohen Politik, um die es in seinem neuen Posten gehe, wolle Hans-Dieter Lucas unbedingt auch auf Tuchfühlung mit dem Volk gehen. «Botschafter in Frankreich zu sein, heißt nicht nur, die ganze Zeit in Paris zu hocken.» Sobald die Corona-Lage es zulasse, hoffe er, bei Reisen durchs Land mit la France profonde in Verbindung zu treten.


Den Süden – Monaco und die benachbarten französischen Departements in der wichtigen Region Provence-Alpes-Côte d’Azur (PACA) – kennt er bislang nur als Tourist. «Dies heute ist tatsächlich meine erste offizielle Reise, ich habe noch nicht einmal die Generalkonsulate besucht», stellt Lucas am Ende unseres Gesprächs fest.


Ihm bleiben drei bis fünf Jahre, so klar ist das beim Amtsantritt eines Botschafters nie, das Hexagon plus Fürstentum mit all ihren Besonderheiten zu entdecken und gemeinsame Schritte in die Zukunft anzustoßen. Der Diplomat freut sich drauf.




Biografie

Dr. Hans-Dieter Lucas (parteilos), geboren 1959, ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Nach dem Studium (Geschichte, Politik- und Rechtswissenschaften, Theologie) trat er 1985 in den Auswärtigen Dienst ein. Stationen seiner Laufbahn umfassen die Botschaften Moskaus und Washingtons; er leitete Mitte der 1990er-Jahre das persönliche Büro von Bundesminister Genscher und anschließend den Redenschreiberstab von Bundesminister Kinkel. Er war im Bundeskanzleramt sowie im Auswärtigen Amt in verschiedenen Funktionen beschäftigt und verbrachte diverse Jahre in Brüssel, zuletzt von 2015 bis 2020 als Botschafter der BRD im Nordatlantikrat (Nato).

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