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Festakt im Nationalheiligtum: "Monegassin des Herzens" im Pariser Pantheon verewigt

Aktualisiert: 3. Dez. 2021

Die Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin Josephine Baker ist gestern als erste schwarze Frau und erste Bühnenkünstlerin symbolisch ins Pariser Pantheon eingezogen. Eine größere Ehre kann Franzosen nicht zuteil werden. Nach Angaben von Fürst Albert II. von Monaco verbleiben die sterblichen Überreste der "Monégasque de coeur" aber im Fürstentum, wo die 1906 in Missouri (USA) geborene Künstlerin am 19. April 1975 beigesetzt worden war.


Von Rolf Liffers


Josephine Baker im Jahr 1940, fotografiert von Studio Harcourt.

In der nationalen Ruhmeshalle im Zentrum der Hauptstadt wird ab sofort ein Kenotaph (Scheingrab) an die Widerstandskämpferin erinnern, die nach Angaben ihres in Menton (Alpes-Maritimes) lebenden Adoptivsohnes Luis Bouillon-Baker auch als Spionin "an der Befreiung Frankreichs von der deutschen Besatzung beteiligt war und bereit gewesen wäre, für das Land, das sie aufnahm, ihr Leben zu geben".

Vielen kommt beim Namen Josephine Baker sofort das schlüpfrige Bananenröckchen in den Sinn. Diese einseitige Erinnerung, die zeigt, wie unterschätzt die franko-amerikanische Ikone jahrzehntelang war, soll jetzt durch die außerordentliche Würdigung endgültig korrigiert werden. Nach Simone Veil (2018) und dem Schriftsteller Maurice Genevoix (2020) ist Josephine Baker die dritte Persönlichkeit, die von Staatspräsident Emmanuel Macron hierfür auserkoren wurde. In der weltlichen Neokropole sind bisher 80 "unsterbliche" Franzosen verewigt, unter ihnen auch Marie Curie und Victor Hugo, Jean Moulin und André Malraux. Josephine Baker ist erst die achte Frau.


Der Entscheidung für Josephine Baker war einer Petition von 38.000 mehr oder minder prominenten Unterstützern vorangegangen, darunter Brian Bouillon-Baker, einer von Bakers zwölf Söhnen. Monacos Bürgermeister Georges Marsan stellte in Aussicht, dass der Platz östlich der Esplanade am Larvotto-Strand demnächst nach dem einstigen Showgirl benannt werden soll, das mit der früheren Fürstin der Monegassen, Gracia Patricia, eng befreundet war.


Bereits am Vortag des Aktes in der Pariser Ruhmeshalle hatte Monaco der Künstlerin eine feierliche Hommage erwiesen. Fürst Albert erinnerte in seiner Rede an die starken Bande, die Josephine Baker zum Fürstentum hatte. Nach einer Schweigeminute spielte das Orchester der Leibgarde des Fürsten die amerikanische, französische und monegassische Nationalhymne. Am Grab von Josephine Baker, wo sie am 19. April 1975 beigesetzt worden war, legte der Fürst gemeinsam mit dem französischen Botschafter und der amerikanischen Generalkonsulin einen Kranz nieder. Außerdem entnahm Albert II. dem Grab symbolisch etwas Erde, die in einer Holzkiste nach Paris gebracht wurde. Dort sollte sie gestern zusammen mit Erde aus Saint-Louis/USA, Paris und Les Milandes in den Panthéon einziehen. Fotos: © Gaetan Luci/Palais princier



Von New York nach Paris


1937 hatte die in den zwanziger Jahren nach Paris übergesiedelte "Muse der Kubisten" die französische Staatsbürgerschaft angenommen. Bekannt war die 1906 in St. Louis als uneheliche Tochter einer Wäscherin und eines jüdischen Schlagzeugers geborene Schauspielerin durch ihre freizügigen Auftritte zwischen den Weltkriegen in Frankreich und Deutschland als skandalumwitterter Music-Hall-Star. Wenig bekannt war bisher, dass die Draufgängerin zugleich eine französische Widerstandskämpferin und antirassistische Aktivistin gewesen ist.


1926: Josephine Baker tanzt während der „Revue Nègre“ den Charleston in den Folies Bergère in Paris.

In New York hatte Baker zunächst die Bekanntschaft des damals in den USA äußerst populären deutschen Dichters Karl Gustav Vollmoeller gemacht, der als Talentsucher und -förderer von Tänzerinnen und Schauspielerinnen sehr erfolgreich war. Er war es auch, der Bakers Engagements in Berlin und Paris vermittelte. Nach Auftritten im New Yorker Plantation Club verpflichtete sie sich für "La Revue Nègre", die am 2. Oktober 1925 im Pariser "Théatre des Champs-Elysées" uraufgeführt wurde.


Mit ihrem Tanz eroberte die Schauspielerin das Publikum, das durch sie erstmals einen Charleston zu sehen bekam, im Sturm. Der Journalist André Levinson schrieb begeistert: „Josephine ist kein groteskes schwarzes Tanzgirl mehr, sondern jene schwarze Venus, die den Dichter Baudelaire in seinen Träumen heimsuchte.“ Über Brüssel gelangte die Revue auch in die damalige Reichshauptstadt, wo sie am 14. Januar 1926 im Nelson-Theater am Kurfürstendamm Deutschland-Premiere feierte.


Gelegentlich des Berliner Engagements war der erste farbige internationale Star häufig Gast in Vollmoellers Wohnsitz am Pariser Platz. Wie es bei diesen Treffen zuging, hat der Kunstsammler Harry Graf Kessler in verschiedenen Tagebucheintragungen festgehalten, so am 13. Februar 1926: „Um eins, nachdem gerade meine Gäste gegangen waren, rief Max Reinhardt an, er sei bei Vollmoeller, sie bäten mich beide, ob ich nicht noch hinkommen könne? Miss Baker sei da, und nun sollten noch fabelhafte Dinge gemacht werden. Ich fuhr also zu Vollmoeller in seinen privaten Harem und fand dort außer Reinhardt (Regisseur, d.R.) und (Oscar) Huldschinsky (Kunstmäzen, d.R.) zwischen einem halben Dutzend nackter Mädchen auch Miss Baker, ebenfalls bis auf einen roten Mullschurz völlig nackt… Die nackten Mädchen lagen oder tänzelten zwischen vier oder fünf Herren im Smoking herum..."


Le Corbusier zeichnete sie


1926 und 1927 war Josephine Star der Folies Bergère. In zwei Revuen von Louis Kenarchand tanzte sie wiederum in ihrem berühmten Bananenröckchen. Wegen ihres verwegenen "Outfits" und ihrer aufreizenden Bewegungen erhielt sie Auftrittsverbote in Wien, Prag, Budapest und München, was sie für das Publikum noch spannender machte. An Bord des Passagierdampfers Giulio Cesare sang sie in der Kabine für den Architekten Le Corbusier, der sie nackt zeichnete und neue Bauten "aus dem Geiste ihres Tanzes" entwickeln wollte und nach der Begegnung die "Villa Savoye" errichtete.


Den Zweiten Weltkrieg erlebte Baker in Frankreich und Nordafrika. Bei Kriegsbeginn trat sie als Inhaberin eines Pilotenscheins einem Korps fliegender Krankenschwestern bei, das dem französischen Roten Kreuz zuarbeitete. Nach der im Waffenstillstand von Compiègne besiegelten Niederlage Frankreichs im Juni 1940 arbeitete sie für die Résistance und den Geheimdienst. Im Mai 1944 ging Baker zur Luftwaffe des France Libre und wurde dort Propagandaoffizier. Für ihre Verdienste erhielt sie 1957 das Croix de Guerre und wurde in die Ehrenlegion aufgenommen. Überdies förderte sie die damalige Lica (Internationale Liga gegen Antisemitismus), die sich heute Licra nennt (Ligue internationale contre le racisme et l'antisémitisme).


1947 heiratete sie in vierter Ehe ihren Orchesterleiter Jo Bouillon. Mit ihm blieb sie bis 1957 zusammen. 1961 wurde auch diese Ehe geschieden. Obwohl sie in Frankreich lebte, unterstützte Josephine Baker an der Seite von Martin Luther King die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung schon seit den fünfziger Jahren. Sie protestierte auf ungewöhnliche Weise gegen Rassismus, indem sie zwölf Waisenkinder unterschiedlicher Hautfarben adoptierte. Auf diese Weise gründete sie eine Familie, die sie selbst „Regenbogenfamilie“ nannte, mit der sie, unter manchmal schwierigen finanziellen Bedingungen, viele Jahre auf Schloss Les Milandes im südwestfranzösischen Périgord lebte. Nach Angaben von Zeitzeugen soll sie in Carqueiranne bei Hyères-les-Palmiers im Departement Var eine Liebesbeziehung zu dem zehn Jahre jüngeren späteren Staatspräsidenten François Mitterand (1916-1995) unterhalten haben.


1956 kündigte sie ihren Rückzug von der Bühne an, feierte aber 1961 schon ihr Comeback und trat 1973 erfolgreich in der Carnegie Hall auf.


Die Stadt Cannes hat der franko-amerikanischen Ikone in diesem Jahr ebenfalls ein Denkmal gesetzt: Im Juli wurde der neue Pier am Hafen nach Josephine Baker benannt. Foto: Ville de Cannes


Ihre Freundin Fürstin Gracia Patricia ließ sie in Monaco beisetzen


Nach erfolgreichen Auftritten aus Anlass ihres 50. Bühnenjubiläums erlitt Josephine Baker eine schwere Gehirnblutung, deren Folgen sie am 12. April 1975 in Paris erlag. An der katholischen Trauerfeier in der Pariser Kirche La Madeleine nahm auch Fürstin Gracia Patricia teil, die die verarmte Freundin auf dem Friedhof von Monte-Carlo mit einem französischen Militärbegräbnis beisetzen ließ.

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