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Hyères: Ehemalige "Banque de France" jetzt "Musée des Cultures et du Paysage"

Kunst und Kultur statt Knete: Nach langem Leerstand und mehrjähriger Umbauphase erstrahlt die ehemalige Banque de France im Herzen von Hyères-les-Palmiers jetzt in neuem Glanz. In dem völlig entkernten neoklassizistischen Gebäude, in dem einst Geldgeschäfte abgewickelt wurden, hat die hochwertige und daher als Musée de France eingestufte Kunstsammlung der kleinen Stadt eine würdige Heimstatt gefunden. Wie der Name "Musée des Cultures et du Paysage" ahnen lässt, enthält der Musentempel mit seinen 8000 in Archiven und Tresoren konservierten Bildern und Objekten eine nahezu lückenlose Chronik der 2000-jährigen Geschichte des Küstenabschnitts zwischen Marseille und Menton, der heutigen Côte d’Azur.


Von Rolf Liffers


Aus Bank wird Museum: In der ehemaligen "Banque de France" in Hyères befinden sich heute Gemälde, Fotos, naturwissenschaftliche und archäologische Exponate. Foto: Ville d'Hyères

Hinter den historischen Gemäuern des kurz La Banque genannten Gebäudes, das seit 2004 der Kommune gehört, verbirgt sich heute diskret modernste Saal- und Ausstellungstechnik. Entsprechend sinnfällig wirkt die weitläufige Dauerausstellung, die künftig stets von Sonderschauen begleitet sein soll. Die erste von ihnen ("Face au soleil"), die bis zum 27. März 2022 dauert, ist zugleich mit der Inauguration des Hauses eröffnet worden. Sie befasst sich auf knapp 70, zwischen 1850 und 1950 entstandenen Gemälden von 50 Malern mit der Entdeckung der Sonne durch Maler, die den Ehrgeiz hatten, die leuchtenden Farben des Schlaraffenlandes des Lichts durch raffinierte Pinseltechniken auf Leinwand abzubilden – unter ihnen Courdouan und Monticelli, Picasso und Boudin, Cross, Valtat und Picabia sowie Signac, Friesz, Renoir, Bonnard und Chagall.


Bürgermeister Giran berichtet der Pariser Presse von den kulturellen Intentionen seiner Stadt. Foto: Rolf Liffers

Nach Angaben von Bürgermeister Jean-Pierre Giran sei es jedoch nicht das Anliegen seiner Gemeinde, den Museen in den Nachbarstädten den Rang abzulaufen. Es sei Hyères vielmehr darum getan, das Museumsangebot der Region sinnvoll zu ergänzen. Insofern seien die Kosten in Höhe von rund sechs Millionen Euro nicht aus lokaler Profilierungssucht ausgegeben, geschweige denn herausgeschmissen worden. Andererseits habe der Stadt mit ihrem hohen kulturellen Niveauanspruch ein solches eigenes Haus gefehlt. Die Wurzeln des Stadtmuseums gehen auf drei lokale Größen zurück, Ornithologen, die schon 1883 die Grundlagen für die erste öffentliche Ausstellung gelegt hatten, damals noch im Château Denis.


"La Banque" verfügt über eine Ausstellungsfläche von rund 2200 Quadratmetern und einen mediterranen Skulpturengarten als "Brücke zwischen Kunst und Natur". Im ersten Stock werden im Rahmen der collection permanent fast 200 Werke gezeigt, die die regionale Landschaftsveränderung in den letzten hundert Jahren beschreiben. Das Spektrum reicht von der früheren Salzgewinnung über die Rosenzucht bis zum Wein- und Melonenanbau. Dem Orangenanbau gar ist der gesamte Lichthof (Patio) gewidmet.


Fotos (von l.o nach r.u.) - © Rolf Liffers

1) Ein Kameramann aus Paris filmt im lichtdurchfluteten Atrium des Museums vor einem Ernte-Fresko von Jules Vittini (1956) eine "Flânerie à la orangeraie" mit keramischen Riesenapfelsinen des Töpfers Serge Moiselet (2021)

2) Den Quai Les Ponchettes von Nizza hat der Maler Hdenrio Harpignies 1887 im Bild festgehalten

3) So sah der Maler Ernest Buttura 1876 die Croisette in Cannes

4) Raoul Dufy malte 1945 sein Atelier in Vence

5) Dieses Gemälde von Joseph Garibaldi zeigt den damals neuen Anleger im Hafen von Marseille im Jahr 1898

6) Auch Francis Picabias Saint-Tropez ist in dem neuen Museum zu sehen

7) Am Meer in Hyères wird der gräko-romanische Hafen Olbia ausgegraben

8) So wurde vor einigen Jahrzehnten noch in den Salinen von Hyères Salz gewonnen

9) Die Venus von Milo steht zwar im Louvre, gefunden wurde die antike Statue aber von einem Hyèrois in Griechenland


Das soll eine Katze mit grünen Augen sein! Die Skulptur des Spaniers Oscar Dominguez (1906-1957) miaut im Museumsgarten. Foto: R. Liffers

Weitere Schwerpunkte des Hyères-Museum, wie es auch genannt wird, liegen in den Bereichen zeitgenössische Fotographie, Naturwissenschaft, Ethnografie und Archäologie. Gezeigt werden zum Beispiel Schwarzweißfotos, die Henri Cartier-Bresson, Karl Lagerfeld und Bernard Plossu in Hyères aufgenommen haben. Zur Naturwissenschaft gehören auch präparierte Vögel aus der Sammlung der erwähnten drei Vogelkundler. Nicht fehlen dürfen auch die Venus von Milo, die ein Hyèrois durch Zufall auf einem Grabungsfeld in Griechenland entdeckte (wir berichteten in der RIVIERAZEIT), sowie der antike griechisch-römische Hafen Olbia-Pamponia, der seit Jahren am Strand von Hyères-Carqueiranne freigelegt wird.

Ein gesondertes Kapitel ist der Literatur und damit den vielen berühmten Schriftstellern zugeeignet, die in Hyères gewohnt, sich erholt oder gearbeitet haben. Leo Tolstoi ("Krieg und Frieden"), Edith Wharton, der Schatzinsel-Stevenson (Robert Louis), Joseph Conrad, die Nobelpreisträger André Gide und Saint-John-Perse, PrixGoncourt Jean Paulhan und Rilke-Freund Paul Valery, um nur einige zu nennen.

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