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Legerer Luxus unter weißen Segeln: Kreuzfahrt mal anders

Aktualisiert: 18. Okt. 2021

Wenn die Hamburger Sea Clouds sich der Küste nähern, ist ihnen Aufmerksamkeit gewiss. Majestätisch gleiten die eleganten Großsegler ganz in Weiß durch die Ozeane, oft auch durchs Mittelmeer. An Bord gilt ein Konzept des sanften Tourismus. Begeistert sind am Ende alle Passagiere – ob Segelfans oder Schiffs-Debütanten. Warum, das konnte die RIVIERAZEIT an Bord der Sea Cloud II erleben.


Eine Reportage von Aila Stöckmann


2700 Quadratmeter Segelfläche lassen die Sea Cloud II durchs Meer gleiten.

An diesem herrlichen Spätsommertag liegt die Sea Cloud II in Cannes vor Anker. Ihr weißer Rumpf strahlt in der Sonne, drei riesige Masten ragen in den Himmel. Über ihr dröhnen Hubschrauber, rundherum tummeln sich Miniversionen des Großseglers und Motoryachten in allen Variationen – in der Festivalstadt ist Bootsmesse.


Die meisten der rund 60 Passagiere an Bord sind mit einem der Tenderboote zum Landausflug übergesetzt in den Hafen. Auf dem Schiff herrscht dennoch rege Betriebsamkeit. Es wird geschliffen, gepinselt, geschraubt und poliert. “Hier gibt’s immer was zu tun”, sagt Hotelmanager Gerhard Schütz. Alles muss top in Ordnung sein, “Einzigartigkeit in jedem Moment” ist der Slogan von Sea Cloud Cruises, dem Hamburger Unternehmen für Luxus-Kreuzfahrten auf Segelschiffen. Drei Windjammer gehören zur Flotte, neben der 20 Jahre alten Sea Cloud II ihre etwas kleinere Originalversion von 1931 (Sea Cloud) und ganz neu ab diesem Herbst die frisch vom Stapel gelaufene etwas größere Schwester Sea Cloud Spirit. Alle eint ihr weißes Erscheinungsbild, edles Holz und Messing auf den Decks, Marmor in den Bädern.


Aufbruchstimmung an Bord


Die Laune an Bord ist blendend. Es ist erst die zweite Reise seit Ausbruch der Coronapandemie, nach fast 18 Monaten des Stillstands und Renovierens herrscht Aufbruchstimmung. Einmal auf See, immer auf See – so geht es vielen der gut 60 Crewmitglieder. Viele von ihnen reisen seit Jahren zusammen in der Sea Cloud II über die Weltmeere. Ihr familiärer Umgang miteinander schwappt auf die Gäste über, nach wenigen Tagen an Bord kennt jeder jeden. Als Passagier wird man mit Namen begrüßt, ob am Empfang oder an der Bar.


Sein Schiff, erklärt Kapitän Christian Pfenninger, seinerseits seit 16 Jahren dabei, kreuze im Sommerhalbjahr durch europäische Gewässer, durchs Mittelmeer ebenso wie durch die Ostsee, und setze vor Weihnachten in die Karibik über. Der Franko-Schweizer wechselt sich auf der Brücke ab mit Kapitänin Kathryin Whittaker, drei Monate er, drei Monate sie.


Die Passagiere kommen meist aus vielen verschiedenen Ländern. Auf der nächsten Reise sind es Amerikaner, aktuell ausschließlich Deutsche. Offizielle Bordsprache ist Englisch.



Suche nach Luxus und Exklusivität


“Unsere Gäste suchen Exklusivität und Luxus”, sagt Kapitän Pfenninger, der als Kind im Urlaub in Holland Gefallen am Meer gefunden hat. Die meisten seien Wiederholungstäter, erklärt er. Gerade etwa habe er Gäste an Bord, die zum neunten Mal dabei sind. Das Durchschnittsalter ist höher als auf vielen Kreuzfahrt-”Fabriken”, wie er die 4000 Passagiere und mehr fassenden schwimmenden Städte nennt. Zwischen 55 und an die 100, schätzt er, bewege sich das Gros der Urlauber auf den Sea Clouds, “Menschen, die nicht mehr aufs Nachtleben aus sind”.


Kapitän Christian Pfenninger vor Anker in Cannes, hinten die Gipfel des Estérel-Gebirges. Foto: AS

Serviert bekommen sie – neben kulinarischen Höchstgenüssen – Kultur à la carte. Die vier- bis vierzehntägigen Kreuzfahrten sind häufig Themenreisen: zu Kunst oder Wein, Literatur oder Musik beispielsweise. Neben wahlweise geführten, meist halbtägigen Landgängen in den Hafenstädten ist immer mindestens ein voller Tag unter Segeln Teil des Programms. Unter den Blicken der Gäste klettert eine ganze Armada an Matrosen an Masten und Takelage hoch, um die Segel zu setzen (vor Corona auch mit Hilfe der Gäste). Ein faszinierendes Schauspiel mit Tauen und Knoten, von Teamarbeit und Muskeleinsatz.



Grundsätzlich werde, wann immer möglich, unter Segeln statt mit Motor gefahren, sagt Kapitän Christian Pfenninger. Neben dem ökologischen und dramaturgischen Effekt sei auch das Fahrgefühl ein viel angenehmeres, erklärt er, “vergleichbar mit einem sanften Gleiten”.


Apropos: Seekrankheit komme durchaus vor unter den Gästen, “aber in 95 Prozent der Fälle ist es nach einem Tag vorüber”.


Schwimmendes 5-Sterne-Hotel


Hotelmanager Gerhard Schütz

Auf den “legeren Luxus”, den das schwimmende 5-Sterne-Hotel verkauft, hat Hotelmanager Gerhard Schütz ein waches Auge. “Ich vermittle der Crew den Schiffsknigge”, sagt er. Will heißen: den perfekten Umgang mit den Gästen. Nach der langen Pandemie-Zeit, die das Auslaufen mit Gästen verhindert hat, muss sich das Team erst wieder neu finden. Einige haben während der langen Zeit an Land den Job gewechselt.


Bei der ersten Tour seit dem Neustart lief noch nicht alles so perfekt zusammen, wie man es bei Sea Cloud Cruises gewohnt ist, gesteht Schütz. Außerdem zwingt die Pandemie zu neuen Abläufen: Treppen werden vorläufig nur in eine Richtung benutzt, Plexiglas schirmt die Gäste an den eng stehenden Tischen auf dem Lidodeck voreinander ab, am Buffet herrscht keine Selbstbedienung mehr. Einschränkungen, die die sehnsüchtigen Passagiere nicht von ihrer Traumreise abhalten konnten.


“Heute sind wir den vierten Tag auf unserer zweiten Reise unterwegs und hatten noch keine einzige Beschwerde!” freut sich der Manager. Das sah in der Vorwoche nämlich noch anders aus.



Blick hinter die Kulissen


Der an der Ostsee lebende, in Wien aufgewachsene Hotel-Spezialist führt uns durchs Schiff. Von der Kapitänsbrücke durch einige der bewusst nicht voll belegten Kabinen mit großen Fenstern oder Bullaugen, je nach Kategorie, mit seidenen Kleiderbügeln, marmornen Bädern und dickem Teppichboden. Vom kleinen Spa- und Fitnessbereich mit Sauna und Wassersport-Plattform in die Lounge mit Flügel und weiter in die Bibliothek. Sogar ein “Hospital” ist eingerichtet, eine Minipraxis, in der stundenweise ein Arzt für die Gäste da ist.


Spannend wird’s im “Crew only”-Bereich: Wir dürfen einen Blick hinter die Kulissen der Edelherberge werfen. Da gibt’s eine eigene Tischlerei, die sämtliche Reparaturen direkt vor Ort ermöglicht. Meterweise Seile lagern hier, Werkzeuge, Sägen. In den Kühlräumen türmen sich, wohl sortiert, frisches Obst und Gemüse, Fleisch und Fisch, schachtelweise köstliche Pralinen.


Für die Crew gibt es eine eigene Küche. In derjenigen für die Gäste begegnen wir Chefkoch Thore Schleth, der sich wie ein kleiner Junge über seine Ausbeute freut, die er am Vortag in Marseille gemacht hat: frische Meeresfrüchte, jetzt angerichtet in einer riesigen Pfanne, frische Baguettes, die an Bord fertig gebacken werden, und die unvermeidlichen zart-bunten Macarons für Süßmäuler. “Außerdem”, sagt er, holt sein Smartphone hervor und deutet auf einen riesigen Thunfisch, “zwei von diesen 60-Kilo-Exemplaren.”


Lokale Leckereien & stehende Ovationen


Es gehöre zur Philosophie von Sea Cloud Cruises, dass der Koch mit seinem Team bei den Landgängen lokale Leckereien aufspüre und anschließend auf die Tische zaubere, so Schleth. Hinter ihm zieht in einem riesigen Topf köstlich duftender Sud; aus der Dose kommt hier nichts, versichert der chef. Es sieht aus wie in jeder anderen Küche eines Luxushotels, nur dass Herde und Arbeitsflächen von einer Reling umgeben sind, damit nichts hinunterrutschen kann, und Schranktüren mit Extra-Stiften gesichert werden können.


“Die Töpfe machen wir zudem nur halb voll”, grinst der Koch, der auf dem Festland gelernt, hier an Bord aber seine wahre Bestimmung gefunden hat: erstens sei die Klientel entspannter als an Land und lasse sich zum Abschluss einer Reise schon mal zu Standing Ovations hinreißen, und zweitens erlebe er das Team wie eine große Familie: “Jeder hilft hier jedem.” Wer nicht hineinpasse, merke das schnell und verlasse das Schiff wieder.


Chefkoch Thore Schleth hat das Mittagsbüffet angerichtet. Einzelne Gerichte bereitet er vor den Augen der Gäste zu. Foto: AS

Thore Schleth muss hoch aufs Lidodeck, wo an der frischen Luft ein üppiges Mittagsbuffet aufgebaut ist. Er selbst stellt sich hinter eine Anrichte und zaubert beim Live Cooking einzelne Speisen punktgenau für seine Gäste. Auch mindestens ein Gala-Dinner je Reise richtet er aus, bei dem alle traditionell besonders schick antreten und der Kapitän sich unter Passagiere mischt.


Auf nach Korsika!


Unterdessen klettern ein Deck tiefer die Ausflügler wieder an Bord. Begrüßt werden sie mit einem Glas Fruchtsaft mit Eiswürfeln, Cannes ist noch heiß um diese Jahreszeit, und der Bitte, sich die Hände zu desinfizieren.


Sie können direkt durchstarten ans Buffet, wie eine Glocke verheißt, mit der ein Crewmitglied durch die Gänge läuft. Und während oben erste Bestecke zu klappern beginnen, heißt es für uns: Abschied nehmen. Die Sea Cloud II lichtet jeden Moment den Anker, um Richtung Korsika aufzubrechen. Leider nicht sofort unter Segeln, hatte Kapitän Christian Pfenninger bereits angekündigt. Die werden erst auf hoher See gehisst.


Aber in voller Pracht dürfen wir das Schiff zum Schluss doch noch erleben – als Tattoo auf dem Unterarm des Zweiten Offiziers.




Die Sea Cloud II in Zahlen

Schiffslänge: 117 m

Größte Breite: 16,15 m

Tiefgang: 5,40 m

Höhe des Großmastes über Wasserlinie: 57,40 m

Gesamtsegelfläche: 2700 qm

Anzahl der Segel: 23

Passagiere: max. 94

Crew: ca. 65

Baujahr: 2001


www.seacloud.de

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