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Lesen gegen Langeweile: „Apeirogon“ von Colum McCann

KULTUR


RZ-Autor Rolf Liffers hat den Corona-Blues. Da hilft nur lesen! Alte Kamellen können wider Erwarten aktuell sein, aber natürlich gibt’s auch lohnenswerte Neuerscheinungen. Hier seine Buch-Tipps des Monats.

Wer im Goldenen Covid-Käfig sitzt wie wir hier an der schönen Côte d’Azur, hat’s verhältnismäßig leicht, den Lockdown zu ertragen. Zumal die Sonne diesen Winter komplett zu verwöhnen scheint. Trotzdem können auch uns die Abende lang werden, umso mehr, als im couvre-feu schon um sechs Uhr Zapfenstreich ist, also noch vor Einbruch der Dunkelheit. Denn die Tage werden ja wieder länger.

Dagegen ist das ewige Fernsehen auf Dauer auch kein Mittel. Und wie man hört, ist mancher deshalb versucht, zu einem anderen, eher nostalgischen Medium zu greifen – dem Buch. Nun ist es im Augenblick gar nicht so einfach, an aktuelle Literatur zu kommen. Denn erstens wissen viele nicht, was gerade angesagt ist. Außerdem sind die meisten Buchläden zu. Und die (hierzulande gottseidank sehr vielen) Buchhäuschen möchte man nur ungern öffnen, schon gar nicht ohne Schutzhandschuhe. Dasselbe gilt für die Bücherberge auf den an sich schon (corona-)sakrosankten Flohmärkten des Südens.

So finden wir uns unversehens vor den eigenen Buchregalen wieder und entdecken unter verstaubtem Goldschnitt Titel, die uns von früher geläufig sind. In das eine oder andere Werk könnte man in dieser kulturellen Hungersnot ja gut noch mal reinschauen und ist dann ganz baff, wie fesselnd und zeitlos die Inhalte noch sind. Françoise Sagan zum Beispiel liest man – nach so vielen Jahren höchst angenehm überrascht – mit völlig anderen Augen und muss einräumen, sie schreibt besser, als wir in Erinnerung hatten. Auch Hermann Hesses „Narziss und Goldmund“, Felix Brauns „Unsichtbarer Gast“, Franz Werfels „Musa Dagh“ und Aldous Huxleys „Neue Welt“ gehen plötzlich wieder unter die Haut. Bei fast allem entdecken wir irgendeinen akuten Bezug zur Zeitgeschichte, aber auch zu uns selbst.


"Apeirogon": Klare Empfehlung! Foto: Rolf Liffers

Bevor ich’s aber übertreibe und wieder zu den „Buddenbrooks“ greife, schau ich doch lieber mal kurz nach frischen Tipps ins Internet. Gut, dass es uns an versierten Literaturkritikern nicht mangelt. Erst mal sehen, was die verlagsunabhängige und handfeste Elke Heidenreich so auf der Pfanne hat. Ihre jüngste Empfehlung allerdings, „Apeirogon“ von Colum McCann, hat gleich 600 Seiten und ist damit nun nicht unbedingt das, was ich mir antun wollte. Trotzdem wird der Wälzer flugs geordert, weil Heidenreich es so will. Und tatsächlich: Die Kapitel lesen sich wie im Fluge, weil der Roman so spannend und lesbar geschrieben und zugleich sehr lehrreich ist, sagt meine Frau, die als erste dran ist. „Ich lese nicht nur, ich lerne auch“, sagt sie schon nach dem ersten Drittel. Zum Beispiel, dass der dreifache Alarmruf „Mayday“ von „venez m’aider“ („Helft mir!“) kommt und 1923 in England geprägt wurde.

Ich will die RIVIERAZEIT-Leser aber nicht warten lassen, bis auch ich den McCann durch habe. Denn bis dahin ist die crise sanitaire vielleicht (hoffentlich) schon vorbei, und Sie finden keine Zeit mehr für eine derart dicke Schwarte, was schade wäre. So übernehme ich von Heidenreich schon mal folgenden Kernsatz:


„Das ist eines der besten, der menschlichsten, klügsten und warmherzigsten Bücher über die Themen Toleranz, Liebe, Frieden, die ich je gelesen habe. Jede Seite eine Freude.“

Erzählt wird die Geschichte zweier Väter, die beide ihre jungen Töchter im Palästina-Konflikt verloren haben: Der Israeli Rami Elhanan seine Tochter Smadar, der Palästinenser Bassam Aramin seine Tochter Abir. Und diese Väter freunden sich in ihrem Schmerz an und predigen nicht Hass und Vergeltung, sondern Frieden. Was meine Frau sagt, könnte sinngemäß auch im Klappentext stehen: „Noch nie habe ich mich durch ein Buch so sehr in die Lage des jeweils Anderen versetzen können.“ Tenor der Geschichte sei, „wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir reden“. Tatsächlich: Auf dem Buchrücken steht, der Roman erzähle ein „grausam wahres Märchen“.

Apropos Heidenreich: Da ist noch ein angeblich bemerkenswertes Buch, das mir aber noch nicht vorliegt. Und das ist von ihr selbst und heißt schmunzelnd „Männer in Kamelhaarmänteln“. Wir werden es demnächst dann besprechen. Heute nur Verlautetes aus dritten Quellen: „Wir vergessen die Namen, die Geschichten, aber fast nie vergessen wir die Kleider“, sagt die Autorin. Sie kennt sich aus, mit Jacke und Hose, Rock und Hut – vor allem aber mit den Menschen. Gut aussehen wollen alle, aber steckt nicht noch viel mehr dahinter? Warum sind einem die Jugendfotos im Faltenrock so peinlich? Warum kauft man sich etwas, was einem weder passt noch steht? Wenn die 78-jährige Wahlkölnerin von Kleidern erzählt, dann erzählt sie vom Leben selber: von sich mit sechzehn, von Freundinnen und Freunden, von Liebe und Trennung – Anekdoten, in denen jeder sich wiedererkennt: sei’s in ausgeleierten Jeans, sei’s in der wunderbaren Bluse, die schon keine Farben mehr hat, oder schlimmstenfalls im Kamelhaarmantel.


Natürlich kann man die Covid-Pause auch kreativer nutzen als nur durch Fernsehen und Bücherlesen. Man muss nur offen sein für Zufallstreffer, und ich hatte vor wenigen Tagen einen solchen. Als ich nach Synonymen für couvre-feu (Ausgangssperre/Sperrstunde) googelte, fiel mir ein Link zu Paul Éluard ins Auge, dem großen französischen Dichter und Freund Picassos aus glücklichen Tagen in Cannes. Dort fand ich ein gleichnamiges Gedicht von ihm aus dem Jahr 1942, das während der deutschen Besatzung und als Botschaft der Hoffnung und Liebe in unruhigen Zeiten verstanden werden kann.

Es macht Sinn, das Poem gerade jetzt zu lesen (und zu übersetzen) und dann den (völlig anderen als den jetzigen) Kontext zu erforschen.

Couvre-Feu

Que voulez-vous la porte était gardée

Que voulez-vous nous étions enfermés

Que voulez-vous la rue était barrée

Que voulez-vous la ville était matée

Que voulez-vous elle était affamée

Que voulez-vous nous étions désarmés

Que voulez-vous la nuit était tombée

Que voulez-vous nous nous sommes aimés


Wie zeitweise in Lockdownzeiten dauerte die von den Nazis verhängte Ausgangssperre damals von 20 bis 6 Uhr.

Natürlich kann man auch mal selbst was dichten. Nur keine Angst. Und wenn’s auch noch so peinlich ist, gehe ich mit gutem (?) Beispiel voran:

Wenn’s Fernsehen dir zum Hals raushängt Bekommst du gern ein Buch geschenkt! Denn Texte können Wunden heilen Und helfen gegen’s Langeweilen.

Und über deinen Covid-Wanst, Entdeckst du neu, dass du noch lesen kannst.

Die Einsamkeit der Pandemie beflügelt deine Fantasie.

Du musst nur hinlänglich verweilen,

dann siehst du hinter all‘ den Zeilen

das Feuer hinter dickstem Rauch,

und lernen tust du dabei auch.

Und willst Du so viel lesen nicht:

Mitunter reicht auch ein Gedicht,

das Dir so recht zu Herzen geht,

selbst wenn Du’s nicht sofort verstehst.

In diesem Sinne laden wir unsere Leser ein, uns ihre Buchtipps zum Frommen aller zuzuleiten – und am besten auch ein hausgemachtes Gedicht.

Nur Mut!

Rolf Liffers