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MAMAC: «Videoessays» zu den großen ökologischen Fragen unserer Zeit

KUNST


Eine Ausstellung der Schweizerin Ursula Biemann in Nizzas Museum für moderne und zeitgenössische Kunst zeigt auf, wie der schonungslose Umgang mit Ressourcen unseren Planeten zerstört. Nach der monatelangen Schließung des gestern wieder eröffneten MAMAC wurde die Expo verlängert bis zum 30. Mai. Ein Treffen mit der Künstlerin.


Ursula Biemann & Paulo Tavares: "Forest Law", 2014. Video-Installation auf zwei Leinwänden, mit Ton. Dauer: 38 Minuten. © Ursula Biemann

Es ist ein Exklusivtermin: Die Kuratorin der Ausstellung und Direktorin des MAMAC (Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain) in Nizza, Hélène Guenin, und die Künstlerin Ursula Biemann führen die Presse durch die Ausstellung «Savoirs Indigènes – Fictions Cosmologiques».


Das international renommierte Museum steht für moderne und zeitgenössische Kunst. Auf fast 2500 Quadratmetern werden Werke von Yves Klein, Niki de Saint Phalle und Andy Warhol ausgestellt, um nur einige zu nennen. Das Gebäude an der Place Yves Klein besticht durch seine Carrara-Marmor-Fassade und klassizistische Elemente.


Ausgesprochen freundlich werden wir im Eingangsbereich von der Direktorin empfangen und in den ersten Stock begleitet, wo die Künstlerin bereits auf uns wartet. Ein Vorhang führt in die Dunkelheit… Geräusche umspielen die Ohren, ein mystischer Singsang, schwer einzuordnen; dazu kommen unbekannte Stimmen und ein fremdartiges Knacken, wie man es von einer Unterwasserdokumentation her kennt.


Die Geräusche gehören zu den Videoessays, die Ursula Biemann noch bis zum 30. Mai in Nizza zeigt. Die Videos sind eine Essenz aus über 20 Jahren Arbeit – ein Stück Lebenswerk.


Die Schweizer Künstlerin Ursula Biemann stellt noch bis Ende des Monats in Nizza aus. © DR

Ursula Biemann ist eine Schweizer Videokünstlerin, Kuratorin und Autorin. Ihr künstlerisches Schaffen führt sie immer wieder zu den Themen Migration und Mobilität, den natürlichen Ressourcen der Erde sowie der Wirkung der Globalisierung auf Natur und Menschen. «Seit 2012 wende ich mich hauptsächlich ökologischen Aspekten zu. Hieraus sind insgesamt acht Projekte entstanden, von denen wir hier fünf Videoessays sehen können.» Die Auswahl der Werke führt den Besucher von Sarayaku in Ecuador über eine Begegnung mit den Samen in Norwegen bis hin zu den Flutgebieten in Bangladesch.

MAMAC-Direktorin Hélène Guenin erklärt stolz: «Zum ersten Mal versammelt eine Ausstellung in Frankreich mehrere Videoarbeiten der Schweizer Künstlerin mit einer Auswahl, die sich auf die großen ökologischen Fragen unserer Zeit konzentriert.»

Die Blickwinkel der Betrachtungen von Ursula Biemann sind vielfältig – ihrer Arbeit wohnen anthropologische, naturwissenschaftliche, historische und philosophische Einflüsse inne, so auch in der aktuellen Ausstellung in Nizza. Biemann: «Die Naturwissenschaften haben mich besonders gefordert. Ich bin studierte Künstlerin und habe mich intensiv mit postkolonialer Geschichte auseinandergesetzt. Um jedoch die Komplexität der Ökosysteme zu begreifen, musste ich mich naturwissenschaftlich bilden.»

Die Sequenzen erfassen den Besucher sowohl mit ihrer Bildmacht als auch akustisch. Zwei Leinwände befinden sich dem Eingang gegenüber. Es ist ein Teil der Geschichte des Kichwa-Volkes in der Stadt Sarayaku in Ecuador, der hier über Beamer projiziert wird. Ursula Biemann hat die Situation der Bewohner und ihren Kampf gegen die ecuadorianische Regierung und für ihre Heimat mit der Kamera eingefangen.


Der Fall Sarayaku


Der Ort Sarayaku am Río Bobonaza im ecuadorianischen Teil Amazoniens hat ungefähr 1200 kichwasprachige Einwohner. Die Kichwa (oder auch Quechua) leben traditionell von Fischfang, Weidehaltung, Wanderfeldbau und vom Pflanzensammeln – in Harmonie mit dem Regenwald und in respektvollem Umgang mit der heimischen Flora und Fauna.


1996 hatte die ecuadorianische Regierung beschlossen, hier im großen Stil Erdöl abzubauen. Ein Areal von 200 000 Hektar in Zentralamazonas, das auch das Gebiet des Kichwa-Volkes aus Sarayaku betraf. Eine argentinische Firma platzierte Dynamitstangen zur seismischen Voruntersuchung in dem Gebiet – Schildkröten und Fische ließen ihr Leben, und der Widerstand der Kichwa wuchs. Sie zogen bis vor den Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof in Costa Rica. Dieser entschied 2012 zugunsten der Kichwa und verurteilte den ecuadorianischen Staat. Sarayaku bekam eine Entschädigung von 1,3 Millionen Dollar, die Dynamitstangen stecken noch immer im Boden.


Druck auf Umwelt und Lebewesen


Sarayaku ist nur ein Ort, ein Volk, ein Beispiel für den ökologischen Druck, den der Abbau von natürlichen Ressourcen auf der ganzen Welt erzeugt. Mit den Folgen müssen Umwelt und Mensch gleichermaßen leben – Erstgenannte ist dabei passiver Leidträger. Ursula Biemann zeigt Abbilder der Wirklichkeiten, die auf unserer Erde existieren. Ihr Werk ist wie der Blick durch ein Schlüsselloch – oder im Falle der Ausstellung: durch fünf Schlüssellöcher. Die Thematik ist komplex, aber die Folgen sind ganz klar: «Es ist so was Simples, das muss doch jedem einfach einleuchten», so Biemann.


Die Videokünstlerin ist 1955 in Zürich geboren. Ihre Ausbildung absolvierte sie in Boston, Mexiko und New York. 1986 schloss sie mit dem Bachelor of Fine Arts an der School for Visual Arts in New York ab. Sie schafft mit ihrem Werk etwas Spezielles, eine eigene Identität: «Es bringt nicht-menschliche Dimensionen ein – das heißt, die Integration der Denkweisen anderer Lebewesen.»


Biemann fordert den Besucher ihrer Ausstellungen auf, einen Blick über den Tellerrand zu wagen, und ermuntert sie, die eigene Gedankenstruktur ins Wanken zu bringen, neu zu ordnen und das eigene Wissen zu hinterfragen.



"Acoustic Ocean", 2018. Video-Installation mit Ton, Dauer: 18 Minuten. © Ursula Biemann

Dramen im Ozean


Die Installation «Acoustic Ocean» von 2018 führt ins Unterwasserleben der Lofoten und versucht, Geräusche oder andere Zeichen der Kommunikation zwischen den Arten einzufangen. Eine Kombination aus Tönen und Bildern zeugt von einer unsichtbaren Interaktion unter dem Meeresspiegel und von Dramen, die sich in den Tiefen der Ozeane abspielen. In den Gebieten der Samen, im Norden Norwegens, fängt Biemann videografisch die Natur ein und lässt hierfür die schwedisch-samische Sängerin und Schauspielerin Sofia Jannok eine Forscherin darstellen, die sich während ihrer Arbeit harmonisch in ihre Umwelt einfügt, ja fast in Symbiose zu ihr tritt. «Acoustic Ocean» ist ein poetisches Werk der Wissenschaftsfiktion – eine Nahtstelle zwischen prosaischen und akademischen Welten. Eine Irritation, die einen Kontrast aus Wissenschaft und Kunst herstellt.


Die Ausstellung im MAMAC ist Spiegel der aktuellen weltweiten Ereignisse und Diskurse rund um die sozialen und ökologischen Fragen unserer Zeit. «Diese Gefräßigkeit bei der Ausbeutung der Ressourcen und die irreversiblen Veränderungen der Böden und ganzer Ökosysteme», wie es im Katalog zur Expo heißt, machen die Thematik aktueller denn je.


Indigene Universität


Hernando Chinday bat die Künstlerin, mit ihm eine indigene Universität aufzubauen. © DR

Ursula Biemann selbst ist eine beeindruckende Frau, das macht sowohl ihr künstlerisches Schaffen als auch ihr neues Projekt deutlich: 2018 hat Harnando Chinday Chinday, Führer der indigenen Inka-Bevölkerung Kolumbiens, die Künstlerin eingeladen, ihn bei der Entwicklung einer indigenen Universität zu unterstützen. Diese Universität soll altes Naturverständnis und das Wissen um die Besonderheiten des regionalen Ökosystems, insbesondere des Waldes, bewahren und für die jüngere Generation aufbereiten. Die geplante Hochschule soll dabei eine Brücke zwischen Tradition und Fortschritt schaffen, um ein friedliches Miteinander zu erhalten, den Bezug zur Natur zu festigen und sie weiter vor menschlichem Eingreifen zu schützen. Vergangenes Jahr fand hierzu ein Treffen statt, bei dem sich vier kolumbianische Universitäten zu dem Projekt bekannt haben und es zusammen weiterentwickeln wollen.


Coronavirus bremst auch die Künstlerin aus


Biemann arbeitet sehr intensiv an diesem Vorhaben und unterstützt es mit ihrer Kunst, Workshops und Ausstellungen. «Ursula stellt Kontakte her und schafft eine Plattform, die es ermöglicht, dieses Projekt Realität werden zu lassen», erklärt die Direktorin des MAMAC. Aufgrund der Corona-Pandemie sind die Pläne vorerst ins Stocken geraten, aber die Künstlerin ist zuversichtlich, dass die Schaffung dieser für die indigene Bevölkerung und für die Umwelt so wichtigen Universität bald wieder voranschreitet. Das Vorhaben sucht weiterhin Unterstützer: Wer bei der Realisierung dieses Konzeptes helfen will, ist herzlich dazu eingeladen (www.geobodies.org). Wie so oft bei Vorhaben wie diesem, sind es vor allem die finanziellen Ressourcen, die einer Unterstützung bedürfen.


Sichtlich beeindruckt ist Ursula Biemann, als sie durch ihre eigene Ausstellung geht: «Die Installation und Darstellung der Videos ist hier besonders gut gelungen!»


Auf die Frage, welche Botschaft sie den Besuchern mitgeben möchte, erklärt sie: «Es ist nicht Sache der Kunst in erster Linie Dinge zu tun, die das Verhalten von Leuten ändern. In der Kunst arbeiten wir mit dem kollektiven Imaginären, was die Schnittstelle von dem, was wir Menschen uns vorstellen, ist. Genau an diesem Imaginären arbeite ich, indem ich Bilder schaffe und damit auch Diskurse.»


Der Verfasserin dieses Textes stellten sich nach dem Ausstellungsbesuch plötzlich Fragen wie diese: Wie riecht es unter der Wasseroberfläche? Wie klingt die Poesie der Bäume? Aus welchem Ei ist der Mensch geschlüpft?

Wir sind gespannt, wie es Ihnen ergeht!


Denise Mähne



«Ursula Biemann. Savoirs indigènes – fictions cosmologiques»

Bis zum 30. Mai 2021 im MAMAC in Nizza. Geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr. Eintritt: 10 Euro.