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Matisse, Picasso und ihre wilden Freunde in einer Ausstellung vereint

Dem westfälischen Münster schlägt jetzt die Stunde der südfranzösischen Fauvisten: Das Kunstmuseum Pablo Picasso hat dort soeben die Ausstellung "Rendezvous der Freunde – Camoin, Marquet, Manguin, Matisse“ eröffnet, die bis zum 16. Januar 2022 dauert. Gezeigt werden 120 Gemälde, Zeichnungen und grafische Arbeiten der Fauvisten Charles Camoin (1879-1965), der aus Marseille stammte, Albert Marquet (1875-1947) aus Bordeaux und Henri Manguin (1874-1949), der in Saint-Tropez starb, sowie Henri Matisse (1869-1954), der als Wegbereiter des Fauvismus gilt und bis zu seinem Tod in Nizza lebte.

Charles Camoin: "Lola auf der Terrasse des Hotel Bellevue in Toulon", 1920, Öl auf Leinwand, Privatsammlung Paris © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Die Ausstellung legt die gemeinsamen Wurzeln der vier Künstler frei und spürt gleichzeitig ihren individuellen Entwicklungslinien nach. Über die künstlerische Entwicklung hinaus erzählt die Ausstellung bis 16. Januar 2022 die Geschichte ihrer engen lebenslangen Freundschaft.

Die vier Franzosen waren sich in den 1890er-Jahren in der Pariser Kunstakademie bei ihrem gemeinsamen Lehrer Gustave Moreau schnell nähergekommen. „Die Geschichte ist fast wie ein biblisches Gleichnis“, vergleicht Professor Dr. Markus Müller, Leiter des Picasso-Museums in Münster. „Vier junge Männer ziehen aus, um Künstler zu werden. Alle vier werden erfolgreiche Maler, nur einer – Henri Matisse – wird weltberühmt.“

Das Werk der vier Maler ist anfangs geprägt vom französischen Impressionismus, deren Landschaftsschilderungen sie jedoch zu Gunsten einer intensivfarbigen, ausdrucksvolleren Ästhetik schnell überwanden und weiterentwickelten. Mit ihrer expressiven Malerei lösten sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Skandalerfolg aus. Kritiker bezeichneten ihre Kunst als Malerei von “wilden Tieren“, was ihnen den Spitznamen der „Fauves“ (die Wilden) einbrachte.

Albert Marquet: "Ansicht von Agay", um 1905, Öl auf Leinwand, Centre Pompidou Paris - Musée national d'art moderne - Centre de création industrielle

Nach ihrer gemeinsamen fauvistischen Stilperiode beschritten die vier Männer in ihrer weiteren künstlerischen Entwicklung individuelle Wege. Ein ständiger Briefwechsel zeugt jedoch von den weiterhin engen Beziehungen zwischen Matisse und Camoin einerseits sowie Matisse und Marquet andererseits. In Hunderten von Briefen nehmen sie Anteil an den Erfolgen und Misserfolgen des jeweils anderen.

„Im Grunde gibt es nur einen: Matisse.“ Picassos berühmtes Urteil über den großen Konkurrenten und späten Weggefährten drückte sich auch im Schaffen des Spaniers aus: In seinem Spätwerk adaptierte er das von Matisse zur Perfektion gebrachte Verfahren des Scherenschnitts für die Gestaltung der ungewöhnlichen, in Zusammenarbeit mit dem Fotografen André Villers entstandenen Mappe „Diurnes“. Im Rahmen der Parallelausstellung „Picasso – Fotografie und Mythologie“ treffen die 30 Fotomontagen von „Diurnes“ auf Lithografien, Linolschnitte und Fotografien aus dem Eigenbestand des Picasso-Museums.

Picasso lernte den 22-jährigen im Jahr 1953 im südfranzösischen Vallauris kennen. Er schenkte dem jungen Franzosen seine erste Kamera, mit der Villers in der Folgezeit seine fotografische Weltkarriere begründen sollte. Villers schuf ikonische Porträts von Künstlern wie Salvador Dalí, Le Corbusier, Alexander Calder und Picasso. Er erinnert sich an Picassos Idee zu Beginn der Zusammenarbeit: „Wir müssen unbedingt etwas zusammen machen. Ich schneide kleine Figuren aus, und du fotografierst sie. Mit dem Sonnenlicht kannst du die Schatten betonen. Du musst Tausende von Aufnahmen machen.“


André Villers und Pablo Picasso: "La chèvre aux gravois", Diurnes, 1962 © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Die Studio-Ausstellung im Picasso-Museum zeigt die Höhepunkte der nahezu zehnjährigen Kooperation mit 30 Fotomontagen der 1962 von dem Galeristen Heinz Berggruen edierten Mappe „Diurnes“, in denen Villers Picassos Scherenschnitte mit seinen Fotografien kombiniert. Durch Mehrfachbelichtungen treten Picassos in ihrem Darstellungsgestus teilweise kindlich anmutende Scherenschnitte in Dialog mit Villers Bildern seiner fotografischen Erkundungsreisen der provenzalischen Landschaft.

„Die Ausstellung erlaubt dem Besucher einen einzigartigen Einblick in eine unbekannte Facette des künstlerischen Schaffens Pablo Picassos und dessen spielerisch-kompositorischen Umgang mit der Technik des Scherenschnitts und dem Medium der Fotografie“, erläutert der Ausstellungskurator Alexander Gaude.

R.L.


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