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Nationalpark Mercantour: 19 Steinböcke aufwändig umgesiedelt

Mit Seilrutsche, Fangnetz und Betäubungspfeilen unterwegs an alpinen Steilwänden: In einem abenteuerlichen Projekt hat ein Expertenteam 19 Alpensteinböcke vom nördlicheren Nationalpark Vanoise in den Mercantour im Hinterland von Nizza umgesiedelt. Hintergrund des aufwändigen Einsatzes ist, die genetische Vielfalt der Steinbockpopulation im Mercantour-Nationalpark zu erhöhen, um sie für etwaige Risiken widerstandsfähiger zu machen.


Seit jeher sind die Steinböcke in der Alpenregion zuhause. Foto: Christophe Gotti/Nationalpark Vanoise

Der Alpensteinbock, im Französischen „bouquetin“, ist eine nur in den Alpen verbreitete Ziegenart, die zwischen Wald- und Eisgrenze lebt und dabei Höhen bis 3500 Meter erklimmt. Schon seit der Steinzeit jagten Menschen die Steinböcke, später auch als mystische Tiere. So sollten deren Blut, Haare oder Exkremente Krankheiten heilen können.


Das führte dazu, dass die Art Anfang des 19. Jahrhunderts bis auf 100 verbleibende Exemplare im heutigen italienischen Nationalpark Gran Paradiso (Aostatal) nahezu ausgerottet war. Erst nachdem die Art aktiv geschützt und neu ausgesiedelt wurde, hauptsächlich dank des Engagements des italienischen Königs Victor Emanuel II. (1820 – 1878), breitete sich die Ziegenart wieder langsam in den Alpen aus. 1990 schließlich begannen sich einige Exemplare von Italien her im französischen Teil des Mercantour-Massivs niederzulassen. Heute hat sich die gesamte Art erholt und zählt nicht mehr zu den bedrohten Arten. Die Population im Nationalpark Mercantour wird auf 1200 Exemplare geschätzt.


Mangelnde Diversität im Genpool


Das nachhaltige Problem hinter dieser ganzen Entwicklung? Die neue Population entwickelte sich aus einer sehr geringen Anzahl verbliebener Exemplare, so ist bis heute wenig Diversität im Genmaterial vorhanden. Diese ist aber notwendig, damit die Tiere widerstandsfähiger sind und sich besser auf Veränderungen einstellen können. Die großen Gefahren unserer Zeit für den Steinbock sind der Klimawandel, menschliche Eingriffe in den Lebensraum und Epidemien. Je größer die genetische Vielfalt innerhalb einer Art ist, desto größer sind ihre Überlebenschancen.





Und so machte sich dieses Frühjahr ein Team bestehend aus italienischen und französischen Experten, Tierärzten, Vertretern der beiden Nationalparks und der örtlichen Feuerwehr daran, in einer zweiwöchigen Aktion 19 Steinböcke im Vanoise-Nationalpark einzufangen, wo die genetische Variation am höchsten ist, wie mehrere Studien und Versuchsreihen zeigten. Hier leben etwa 2500 Exemplare, sodass die Umsiedelung von 19 Tieren unproblematisch ist.


Akrobatische Fang-Aktion


Der Umzug gestaltete sich angesichts des Lebensraums der Steinböcke in luftigen Höhen und an Steilwänden nicht gerade einfach: Mittels Betäubung aus der Ferne, Fallnetzen und Fangkäfigen wurden die Tiere eingefangen. Wohl einzigartig war der Einsatz von Seilrutschen, an denen die betäubten Steinböcke bis zu den wartenden Viehtransportern heruntergelassen wurden. Im Morgengrauen wurden sie dann in ihrem neuen Zuhause möglichst nah an den Populationen ihrer Verwandten aus dem Mercantour-Park freigelassen. Die gesamte Aktion wurde von Tierärzten überwacht, die dafür Sorge trugen, dass es den Tieren gut ging und sie nicht verletzt wurden.


Umzug geglückt


Und siehe da, der ganze Aufwand erwies sich sehr schnell als erfolgreich: Die meisten der zehn Weibchen und neun Männchen schlossen sich schnell ihren lokalen Artgenossen an, wo sie sich innerhalb der Gruppe entspannten und erholten. Die Eingewöhnung der neuen Bewohner des Mercantour-Nationalparks verfolgen die Experten mithilfe von farbigen Ohrenmarken und GPS-Halsbändern, um zu überwachen, dass sie sich gut einleben. Nach zwei Jahren hören die Halsbänder schließlich auf, Daten zu senden und fallen ab.


Svetlana Leitz




Schauen Sie sich Details des Umzugs in unserer Foto-Galerie an:

© Olivier GOUIX GOPROD / Emmanuel GASTAUD, Regionalpark Mercantour / Christophe GOTTI, Regionalpark Vanoise

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