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Saint-Tropez: Fernand Légers Frau soll endlich zu Ruhm und Ehre gelangen

Das Musée de l’Annonciade in Saint-Tropez hatte das Jahr 2020 zum Léger-Jahr erklärt. Kein Wunder, ist doch der Name des großen Kubisten durch das nach ihm benannte Nationalmuseum in Biot mit der Region eng verbunden. An jenen Fernand Léger aber war diesmal gar nicht gedacht. Vorgestellt werden sollte vielmehr das bis heute nahezu unbekannte Werk seiner Frau Nadia, die ebenfalls eine bedeutende Künstlerin war, aber nie aus dem Schatten ihres berühmten Maler-Mannes heraustreten konnte oder wollte. Dann kam Corona – und die Ausstellung wurde um ein Jahr verschoben. Bis zum 14. November gehört das Museum nun aber doch noch der „roten Nadia“. Von Rolf Liffers


Selbstporträt von Nadia Léger («Autoportrait, le serment d’une résistante», 1941). © ADAGP Paris 2021, Privatsammlung

Ziel der Expo ist, der einstigen sowjetischen Staatsbürgerin, die über 30 Jahre in Callian im Departement Var lebte und 1982 mit 79 Jahren in Grasse (Alpes-Maritimes) starb, einen angemessenen Platz in der Kunstgeschichte zu verschaffen.

Weil es verblüffende Parallelen im Schicksal beider Frauen gibt, hatte es in Saint-Tropez bereits am Weltfrauentagswochenende im Frühjahr 2020 als Vorgeschmack auf die geplante Schau in der Annonciade ein Symposium über Nadia Léger und die Mexikanerin Frida Kahlo (1904-1957) gegeben. Beide waren Vollblutkommunistinnen. Auch Kahlo fristete zu Lebzeiten ein Mauerblümchendasein. Ihr Schaffen war komplett vom Glanz ihres Mannes (Diego Rivera) überblendet. Auch sie wurde als Künstlerin erst nach ihrem Tod entdeckt, anerkannt und gewürdigt.

Der erste Tag des Kolloquiums im Hôtel de Paris in Saint-Tropez wurde von den Buchautoren Claire Berest und Aymar du Chatenet bestritten. Sie hat einen Roman über Kahlo ("Rien est noir"/Verlag Stock) geschrieben. Er verfasste nach zehnjähriger Recherche in Frankreich und Russland die erste umfassende biografische Monografie über Nadia mit dem Ziel, die Künstlerin vor dem endgültigen Vergessen zu bewahren ("Nadia Leger. L’histoire extraordinaire d’une femme de l’ombre"/Editions IMAV).

Bisher nie öffentlich gezeigte Werke


Insgesamt werden dieses Jahr nun endlich gut 50 teilweise bisher nie öffentlich gezeigte Werke unter dem Titel "Les couleurs de Nadia" präsentiert. Nadia?


"Ja, bewusst einfach Nadia", erläutert Museumskonservatorin Séverine Berger, „damit ihr Nachname nicht erneut von ihrem überaus eigenständigen Werk ablenkt." Die meisten Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen stammen aus den Sammlungen ihrer Nachfahren. Zu sehen sind Jugendwerke, Zeichnungen, Entwürfe, Stillleben, Skulpturen sowie großformatige Propaganda-"Plakate" im Stil des sozialistischen Realismus.

Schon mit 13 Lenzen soll Nadia das unwiderstehliche Bedürfnis zum Malen verspürt haben. Bereits mit 15 machte sie Ernst und meldete sich zur Zeichenklasse am staatlichen Palast der Zeichenkünste von Vitebsk an. Danach studierte sie bei den suprematistischen Avantgardekünstlern Kasimir Malewitsch und Stanislaw Strzeminski in Smolensk und schließlich an der School of Fine Art in Warschau. Dort heiratete sie 1924 den polnischen Maler Stanislaw Grabowski, mit dem sie 1925 nach Paris zog. Noch im selben Jahr schloss sie an der dortigen Académie de l‘art moderne von Fernand Léger und Amédée Ozenfant ihre Ausbildung ab. Wenig später trug ihr Léger eine Assistenzprofessur an seiner neuen Akademie für moderne Kunst in Montrouge an, wo sie immer mehr Verantwortung und schließlich bis zum Tode ihres Mannes die vollständige Leitung übernahm.

Sie verkehrte mit Kandinsky, Arp, Picasso, Mondrian und Chagall


Nadia, die ihre Arbeiten erst ab 1936 signierte, gehörte zur berüchtigten Montparnasse-Clique und der russischen Intelligentsia. Sie ging mit Kandinsky, Arp, Picasso, Mondrian und Chagall um, ließ sich von ihnen inspirieren und zählte Nicolas de Staël und Louise Bourgeois zu ihren Schülern. Stilistisch ließ sie nichts unversucht und bewährte sich in praktisch allen damals angesagten Strömungen, ob nun Kubismus, Purismus, Surrealismus, Konstruktivismus oder Neue Sachlichkeit. Nach Chatenet war sie zu dieser Zeit sehr eng auch mit den Ehepaaren Aragon und Thorez liiert.

Noch ein Werk der gebürtigen Weißrussin: «Maternité» aus dem Jahr 1950 © ADAGP Paris 2021, Privatsammlung

Ende der dreißiger Jahre änderte sich Nadias Stil grundlegend. Sie beaufsichtigte die kollektive Transparentgestaltung für KP-Demonstrationen zur Mobilisierung der Volksfront sowie die Gruppenarbeit an den bemalten Tafeln für Großaktionen wie zum Beispiel von "Frauen für den Frieden".

Fernand Léger flüchtet bei der deutschen Besetzung Frankreichs und setzt sich bis 1945 in die USA ab, derweil sich "Nadia la rouge" der Pariser Résistance anschließt. Vier Jahre malt sie im Untergrund für die Bewegung, eröffnet nach der Befreiung Légers Atelier in Montrouge wieder und erzeugt fürderhin schwerpunktmäßig monströse Werbegemälde zur Verherrlichung der Sowjetunion, darunter heroische Großporträts der jeweiligen totalitären Machthaber und Nationalhelden von Lenin bis Gagarin.

Nach dem Tod seiner Frau heiratet Léger 1952 mit Nadia seine engste Mitarbeiterin, Muse und Vertraute, die an vielen seiner Werke beteiligt gewesen ist, sich aber an der Staffelei längst von ihm emanzipiert hat. Als Léger schon drei Jahre später stirbt, erbt sie alles, was das innovative Kunstlaboratorium hinterlässt.


Schon früh fühlten sich Nadia und Fernand Leger vom Licht des Südens angezogen. Fast 30 Jahre lebte und arbeitete Nadia an der Côte d’Azur. In Biot (Alpes-Maritimes) ließ das nach dem berühmten Kubisten benannte Nationalmuseum errichten. © AS

Nadias dritter Ehemann wird der aus Sankt Petersburg stammende und in Nizza lebende Stararchitekt Andre Swetchine, der unter anderem Marc Chagalls Villa in Saint-Jean-Cap-Ferrat und Diors "Chateau de la Colle Noire" in Montauroux entworfen hatte. Mit ihm baut sie von 1957 bis 1960 das in der Nähe ihres Ateliers in Callian gelegene Fernand-Léger-Museum in Biot (Foto), das bis heute die Fassadendekoration aus Sportmotiven ziert, die Léger ursprünglich für die Halle des Niedersachsenstadions in Hannover skizziert hatte, wegen seines Todes aber nicht mehr realisieren konnte. Im Luxushotel "Le Provençal" in Juan-les-Pins findet aus diesem Anlass ein dreitägiges "Mahn-Mahl" statt. 1967 übereignet Nadia das Museum dem französischen Staat. 1969 wird es von Kulturminister André Malraux feierlich zum Musée national aufgewertet.

1972 wird die immigrierte Weißrussin polnischer Abstammung, die aus ärmlichen Verhältnissen stammte, mit dem UdSSR-Orden des Roten Banners der Arbeit geehrt. Laut Chatenet starb die "überzeugte, fast fanatische Kommunistin" als Milliardärin...

„Les couleurs de Nadia“

Ausstellung bis zum 14. November 2021

Musée de l’Annonciade

Saint-Tropez

www.saint-tropez.fr


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