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So viel Sonne – so wenig Solarzellen: Wie Diplomatin Duvigneau im Süden Spuren hinterlassen will

Clarissa Duvigneau hat im Sommer 2019 den auf vier Jahre angesetzten Posten als Generalkonsulin der BRD in Marseille angetreten. Erstmals seit langem zog die gebürtige Hanauerin nur in Begleitung ihres Mannes in eine neue Stadt; die beiden Söhne sind zum Studium aus dem Haus. Die Konsulin ist voller Pläne, während ihrer Amtszeit konkrete Dinge zu bewegen. Einen Schwerpunkt will sie auf das Thema Umwelt und erneuerbare Energien setzen. Die RIVIERAZEIT traf Clarissa Duvigneau in Nizza zu einem äußerst sympathischen Austausch. (Das Interview haben wir im Februar 2020 geführt und in unserem Print-Magazin veröffentlicht, jetzt lesen Sie es hier kostenfrei auf unserer Website.)



Clarissa Duvigneau, seit Sommer 2019 Generalkonsulin in Marseille

Frau Duvigneau, was verbindet Sie – neben Ihrem Nachnamen – mit Frankreich?


Der Name ist der Nachname meines Mannes, den ich angenommen habe. Seine Familie hat Frankreich 1685 verlassen, hat aber immer noch ganz starke Bezüge zu dem Land. Ich selber bin die erste katholische Duvigneau seit vielen hundert Jahren … Was meine eigene Verbindung zu Frankreich betrifft, so habe ich mir nach dem Abitur gesagt: Englisch kann ich ganz gut, Französisch nicht so. Und da ich wusste, dass ich in die Außenpolitik wollte, Internationales machen, bin ich damals ein halbes Jahr

Au-Pair-Mädchen geworden in Sèvres. Das hat mich sehr bereichert, weil ich aus der deutschen Provinz kam. Zu meiner eigenen Überraschung habe ich mich dann ein paar Jahre später noch einmal ein Jahr an der Pariser Hochschule Sciences Po wiedergefunden, obwohl ich ursprünglich in England hatte studieren wollen. Auch wirklich interessant! Und dann war ich nochmal als Attachée im Praktikum in der Normandie und am Quai d’Orsay.

Das hört sich zwar nach sehr viel an, aber danach hatte ich 27 Jahre nichts mehr mit Frankreich zu tun – außer, dass ich beim Staatsminister für Europa gearbeitet habe. Die Sprache hatte ich tatsächlich 27 Jahre praktisch nicht mehr gesprochen. Ich war zwar gelegentlich in Frankreich im Urlaub, zweimal auch in Südfrankreich, in Bandol und kurz in Nizza, aber beruflich hatte mit Frankreich eher weniger zu tun.


Dann war Ihr Französisch bei Ihrer Ankunft in Marseille eingerostet?


Das war meine Sorge. Ich merke mittlerweile, dass es viel flüssiger wird. Es gibt immer noch Momente, in denen ich nach dem richtigen Wort suche, aber ich kann unterdessen auch Reden halten, ohne sie abzulesen. Auch für meinen Mann ist es ein ganz großer Vorteil, dass er sich hier verständigen kann im täglichen Leben – anders als etwa in Lettland oder Rumänien.


Hatten Sie sich Marseille als Einsatzort gewünscht?


Nein, das ist ja das Tolle! Ich hatte die Stadt tatsächlich nicht auf meiner Liste! Bei der Fortbildung für zukünftige Leiter, wo es um Haushalt und Personal geht, hatte ich dagegen rechts und links von mir Herren sitzen, die Marseille als Erstwahl angegeben hatten. So ist das im Auswärtigen Amt. Und das Schöne ist, dass ich jetzt hier absolut glücklich bin. Wir sind wirklich sehr, sehr froh, hier zu sein!


Also haben Sie sich gut eingelebt?


Ja, ich glaube schon. Ich lebe mich grundsätzlich relativ schnell irgendwo ein. Aber hier wird es einem auch leicht gemacht: Wir haben keine Sprachbarriere im täglichen Leben, lernen total viele nette Leute kennen – wir sind diesbezüglich ja unheimlich privilegiert im Auswärtigen Dienst. Und außerdem ist es auch kein großer Kulturschock. Es ist unsere westeuropäische Kultur mit Sonne und etwas anderer “Folklore” – insofern fällt das wirklich leicht, sich hier einzuleben. Wir haben es einfach genossen bisher.


Marseille war Ihnen vorher nicht vertraut?


Nein, wir kannten Marseille nur von unserem einwöchigen Urlaub in Bandol vor Jahren: Damals haben wir auf dem Rückweg unser Mietauto in Marseille auf der Rückseite des Bahnhofs abgegeben, um von dort den TGV nach Paris zu nehmen für eine weitere Urlaubswoche. Und die Rückseite des Bahnhofs ist wahrscheinlich nicht repräsentativ. Insofern waren wir vergangenen Juni (2019, Anm.d.Red.), als wir vor Antritt meines Jobs auf Besichtigungsreise hier waren, sehr angenehm überrascht! Allein diese Geografie von Marseille, diese Hügel, diese Aussichten, dieses einmal um die Kurve-Fahren und wieder einen Felsen oder das Meer sehen, finde ich sehr spannend. Die Abende, die wir hier verbracht haben mit Spaziergängen am Pharo, dann was essen oder was trinken mit Blick auf diesen Hafen – das hat uns sehr gut gefallen. Da haben wir uns tatsächlich in Marseille verliebt, und das ist kein Spruch!


Womit versuchen Sie in den kommenden noch knapp dreieinhalb Jahren hier Ihren Fußabdruck zu hinterlassen?


Die Rolles des Generalkonsulats liegt vor allem darin, die Beziehungen vor Ort zu verbessern und zu intensivieren. Ein Generalkonsulat macht keine große Politik; das geschieht in Paris und in Berlin und so weiter. Aber ich treffe hier ganz viele Leute, die deutsch-französisch engagiert sind, was ich sehr beeindruckend finde. Und ich glaube, da können wir noch mehr unterstützen und Präsenz zeigen. Das heißt: Wenn mich der stellvertretende Bürgermeister in Marseille einlädt, um Musikstudenten aus Hamburg, die mit Musikstudenten aus Aix gemeinsam etwas machen, zu treffen, dann gehe ich da auch hin und rede mit denen und unterstütze das.

Ganz generell versuche ich, Wertschätzung zu zeigen für alle, die etwas tun wollen im deutsch-französischen Bereich, und das nach Möglichkeit auch zu unterstützen, wenn auch in der Regel nicht finanziell. Ich treffe so viele Leute, die was auf die Beine stellen wollen… Aber manchmal können wir tatsächlich behilflich sein.

Und dann kann man so kleine persönliche Noten beimischen. Das Konzert (im Februar in Marseille mit der in Hamburg lebenden Pianistin Elisaveta Blumina, Anm.d.Red.) zum Beispiel war so eine Sache, wo wir die Möglichkeit hatten, uns einzubringen. Hintergrund war, dass Deutschland die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) bekommt, und da konnten wir ein bisschen Geld bekommen für eine Veranstaltung. Man hatte eher an Seminare oder Kolloquien gedacht, aber ich befürchtete, dann treffen sich wieder die, die sowieso alles wissen, um wichtige Dinge zu besprechen – aber ohne Publikum. Wir haben stattdessen eine hervorragende Pianistin eingeladen, die selber Jüdin ist, die jüdische Komponisten wieder bekannt gemacht hat. Sie brachte ein Kammerensemble mit und ich suchte Partner, und daraus haben wir versucht, was Großes zu machen. Das war ein furchtbarer Aufwand. Aber da habe ich dann eben nicht 30 Leute, die es sowieso wissen, sondern 900 Leute, denen ich sagen konnte: Habt einen wunderschönen Abend, bitte, aber morgen guckt ihr mal auf die Webseite.

Und ich hoffe, dass es noch mehr Gelegenheiten gibt, einfach mal eine Idee zu haben und die durchzuführen!


Was sind die wichtigsten Aufgaben des Generalkonsulats?


Die wichtigsten Aufgaben des Generalkonsulats sind eigentlich natürlich ganz andere: Der größte Teil meiner Kollegen hier kümmert sich um die Deutschen vor Ort. Die erste Aufgabe eines Konsulats ist «Fürsorge für Deutsche im Ausland», sollten sie in Not geraten oder anderweitig Hilfe brauchen. Und zum anderen sind wir das Standesamt, das Notariat usw. Wenn ein Reisepass beantragt werden muss, gehen die Leute nach Marseille oder zum Honorarkonsul, der solche Anträge an uns weiterleitet.

Wir schätzen, im gesamten Zuständigkeitsbereich unseres Konsulats, also von Perpignan bis zu den Alpen bis nach Korsika, leben um die 50 000 Deutsche mit Erst- oder Zweitwohnsitz. Gerade war ich übrigens in Bastia auf Korsika, um mich einerseits dem Präfekten dort vorzustellen, andererseits aber auch einen Honorarkonsul zu finden – was gar nicht so leicht ist.


Welchen Gestaltungsspielraum haben Sie in Ihrem Job?


Der ist relativ groß. Es ist ja so: Wenn Sie, wie ich früher, in Washington Politik machen oder in Brüssel Nato-Politik machen, dann sind Sie sehr stark eingebunden in ein tägliches Politikgeschäft, wo jeden Tag neu entschieden werden muss: Wie gestalten wir etwas? Das ist unglaublich spannend, aber Sie müssen pausenlos alles mit Berlin rückkoppeln. Das heißt, wenn ich in Brüssel an einem Nato-Vorschlag arbeite, muss ich schauen, dass der auch zuhause in der Bundesregierung Rückhalt findet. Und wir müssen es vor Ort mit den Amerikanern, den Türken, den Franzosen usw. durchkriegen.

Während ich hier in den Bereichen Kultur, Wirtschaft, Beziehungen freier bin in dem, was ich gestalten kann. Eingeschränkt bin ich dadurch, dass wir sehr wenige finanzielle Mittel haben. Aber wenn ich mir beispielsweise sage: Ich möchte den Schwerpunkt auf Theater legen und versuchen, mehr Theater-Kompanien hier herunter zu bekommen, dann kann ich das zumindest versuchen.

Insofern: In diesen Bereichen bin ich freier zu tun, was ich mir vorstelle, als in den Bereichen, in denen ich früher gearbeitet habe. Ideen verraten mag ich aber erst, wenn ich sicher bin, dass daraus etwas wird.

Wichtig sind mir zum Beispiel erneuerbare Energien. Wir haben in Marseille im Juni den alle vier Jahre veranstalteten World Conservation Congress IUCN zu Gast, zu dem 12 000 Menschen erwartet werden. Und da kommen voraussichtlich die deutsche Umweltministerin und Vertreter von Gruppen wie WWF, BUND usw.

Auf die Themen Naturschutz, Umwelt, erneuerbare Energien möchte ich gerne einen Schwerpunkt setzen: Dass wir unsere Politik der Energiewende verständlich machen und versuchen, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, etwa in Zusammenarbeit mit dem Club d’Affaires Franco-Allemand de Provence, Cafap. Ich wundere mich zum Beispiel, dass es hier, wo die Sonne scheint, keine Solarzellen auf den Dächern gibt … Das sind Dinge, für die man stark werben und Kontakte knüpfen kann.

Wobei es auch in Frankreich beeindruckende Sachen gibt: Ich war mit dem Botschafter neulich in Piolenc in der Nähe von Avignon. Dort gibt es einen ganzen Baggersee, der mit Solarzellen bedeckt ist. Das ist eine tolle französische Firma, die mich sehr beeindruckt hat, eine relativ junge, international tätige französische Firma, Akuo Energy.

Ich glaube, dass in allen diesen Bereichen der Austausch zentral ist. Wir haben denen dann wieder Kontakte nach Deutschland vermittelt.


Welche Themen liegen Ihnen, neben der Umwelt, noch am Herzen?


Ganz wichtig ist für uns Europa. Wir übernehmen in der zweiten Jahreshälfte die Präsidentschaft der Europäischen Union – in einer Zeit, wo von allen Seiten auf Europa eingeschlagen wird, in einer Situation, in der wir mit Großbritannien ein Land verlieren, was ich sehr, sehr bedauere. Es gibt auch in Deutschland und Frankreich starke politische Bewegungen, die Europa kritisieren und sagen: Ein Nationalstaat schafft das besser. Und daran glaube ich überhaupt nicht! Ich werde, einerseits weil wir die Präsidentschaft haben, aber andererseits, weil es mir ein persönliches Anliegen ist, sehr viel Werbung für Europa machen. Ich hoffe, dass wir dazu im Vorfeld unserer Präsidentschaft gute Materialien bekommen. Ich möchte in die Schulen und Unis gehen und mich dort mit den Leuten auseinandersetzen. Ich möchte nicht nur Reden halten, sondern dann auch den Austausch haben. Das habe ich hier in Nizza letztens im Kulturzentrum schon erlebt: Da wurden ein, zwei Fragen gestellt, über die ich sehr scharf nachdenken musste. Und das ist das Interessante: ins Gespräch zu kommen und so über das eigene Land nachzudenken und auf der Grundlage unserer Werte gemeinsam Lösungen zu finden. Das ist für Deutschland und Frankreich ganz zentral. Und dieser alte Spruch «ohne Deutschland und Frankreich geht es nicht» stimmt wahrscheinlich tatsächlich. Wenn wir’s nicht machen, wer soll’s denn dann tun?

Aber wir müssen die Bevölkerung mitnehmen – und für die ist Europa ganz weit weg. Dabei leben und konsumieren wir ja im Alltag all das, was Europa gebracht hat. Es gibt unendlich viele Vorteile von Europa, angefangen vom Frieden über die Mobilität bis zu den abgeschafften Roaminggebühren – aber all diese Errungenschaften werden als selbstverständlich hingenommen. Und dann wird gemeckert, sobald es eine unpopuläre Entscheidung gibt.

Natürlich ist Politik immer ein Kompromiss, Politik ist mühsam. Und jeder, der sagt, es sei anders, der lügt. Es wird immer so sein, dass in Berlin oder in Paris oder in Brüssel Entscheidungen getroffen werden, mit denen viele nicht einverstanden sind. Und es wird immer so sein, dass Politiker Kompromisse schließen, die sich nicht hundertprozentig mit dem decken, was sie ursprünglich im Programm hatten. Aber das zeigt, dass wir uns auseinandersetzen.

Die Europäische Union ist nicht nur ein phantastisches, sondern auch ein anspruchsvolles Projekt: Wir haben da 27 Regierungen, die mit all den unterschiedlichen Interessen versuchen, gemeinsam voran zu gehen. Aber insgesamt profitieren wir unendlich, und wir sind immer noch die Region in der Welt, in der es den Leuten am besten geht.

Ende Mai haben wir in Berlin die sogenannte Botschafter-Konferenz, um ganz konkret über Europa zu sprechen. Dort möchte ich klarmachen, dass es nicht nur wichtig ist, zwischen den Hauptstädten die Politik zu vereinbaren, sondern sich die Frage zu stellen: Wie nehme ich den Bürger mit? Wie verkaufen wir Europa besser?


Was mögen Sie in Ihrem Beruf am liebsten?


Leute treffen. Die Möglichkeit, alle paar Jahre in einem anderen Land zu sein. Die große Flexibilität. Und ich finde es sehr spannend, immer wieder etwas ganz anderes zu machen. Ich habe so ein paar rote Fäden wie die Sicherheitspolitik in meinem Berufsleben gehabt, aber mir gefiel immer sehr, irgendwo neu anzukommen, sich umzuschauen und zu überlegen: Jetzt bin ich hier, was kann ich hier am besten machen, was sind die Herausforderungen hier?


Das Gespräch führte Aila Stöckmann



Clarissa Duvigneau

1981 – 1989: Studium Politische Wissenschaft, Geschichte und Öffentliches Recht in Bonn, Paris und Speyer

1990 - 1992: Attachéausbildung im Auswärtigen Amt, Bonn

1992 - 1993: Auswärtiges Amt, Bonn, Europäische Politische Zusammenarbeit

1993 – 1995: Deutsche Botschaft Warschau, Kulturreferat

1995 – 1998: Auswärtiges Amt, Bonn, NATO-Referat

1999 – 2003: Deutsche Botschaft Washington, Politische Abteilung

2003 – 2005: Auswärtiges Amt, Berlin, stv. Büroleiterin, Staatsminister für Europa

2005 – 2006: Auswärtiges Amt, Berlin, Büroleiterin, Staatsminister für Europa

2006 – 2010: Deutsche Botschaft Dublin, Ständige Vertreterin

2010 – 2014: Bundespresseamt, Berlin, Leiterin des Referats für Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik

2014 - 2016: Auswärtiges Amt, Berlin, Leiterin des Referats für konventionelle Rüstungskontrolle und vertrauensbildende Maßnahmen

2016 - 2017: Deutsche Ständige Vertretung bei der NATO, Brüssel, Gesandte, Leiterin der Politischen Abteilung

2017 - 2019: NATO-Stab, Brüssel, Senior Policy Advisor

Seit August 2019: Generalkonsulin von Deutschland in Marseille

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