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Was Elke Heidenreich in Sanary-sur-Mer erlebte

KULTUR


RZ-Literatur-Fachmann Rolf Liffers hat, wie versprochen, weitere Buchtipps für Sie! Und wie es so seine Spezialität ist, geraten ihm immer wieder kleinere oder größere Geschichten über die Côte d’Azur in die Finger. Diesmal wurde er im Bestseller „Männer in Kamelhaarmänteln“ fündig.


Also: Werbung hat das sich mit atemberaubender Geschwindigkeit verkaufende Buch von Elke Heidenreich nicht mehr nötig, steht es doch jetzt schon die 21. Woche in neunter oder gar zehnter Auflage auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Die sich schmucklos gebende Verfasserin selbst ist diesbezüglich ohnedies sakrosankt.

Aber versprochen ist versprochen. Und so nehmen wir das lang erwartete Exemplar der inzwischen erneut vergriffenen "Männer in Kamelhaarmänteln" zur Hand, die allerdings durch massenhaft Talkshows schon reichlich verschlissen sind. Was dafür aber unerwähnt geblieben ist, sind Histörchen, die die Côte d’Azur berühren. Ja, Sie hören richtig!

Lassen wir die Kamelhaare also beiseite und schauen lieber, was Elke Heidenreich zum Beispiel in Sanary-sur-Mer (Departement Var) so erlebt hat.


Sanary-sur-Mer - Foto: AS

Sie schwärmt von ihrer Woche in "diesem bezaubernden kleinen Ort an der südfranzösischen Mittelmeerküste", von "Sonne, Meer, gemütlichen Kneipen, Hafen" und – "Erinnerungen daran, wer hier in finsteren Zeiten alles gelebt hat, wenigstens kurzzeitig gerettet war, Exil fand". Es folgt ein Foto von der Gedenktafel mit all den legendären Namen von Bert Brecht über Thomas Mann und Lion Feuchtwanger bis zu Franz Werfel (die RZ berichtete gefühlte tausend Mal).



Gedenktafel mit Namen der Exil-Literaten in Sanary

Dann erst kommt die Kleidung ins Spiel, um die es in dem Büchlein ja geht. Heidenreich erzählt vom Abendmarkt mit allem, was es da so zu kaufen gibt. In dem ganzen Gewühl fällt ihr "ein hagerer, schweigsamer junger Mann" auf, der vor den Augen der staunenden Menge am laufenden Band "phantastische Hüte und andere Gebilde" erschafft. "Und wenn eine schöne Frau mit einem schönem Haar stehen blieb, zauberte er ihr einen kleinen Filzhut mit Schleier auf den Kopf, was raffiniert aussah".

Was folgt, ist eher tragisch: Denn eine weniger hübsche Frau, die sich ebenfalls gern mit einer dieser fabelhaften Kreationen geschmückt hätte, wurde – wie überhaupt alle äußerlich eher weniger anziehenden Damen – von dem Künstler mit Verachtung gestraft und nur "grimmig" bedient. Die verschmähte Kundin sei sich zwar klar darüber gewesen, dass die erwähnten Exilautoren, darunter auch Erika Mann, seinerzeit sicher andere Sorgen gehabt hätten als sich um derlei Killefit zu scheren, versicherte Heidenreich. Doch ihr Begehren sei einfach nicht zu zügeln gewesen. Da sie aber eine erneute barsche Abfuhr befürchtete, schickte sie ihren Freund vor. Der sollte das Objekt der Begierde an ihrer statt erwerben, derweil sie im Hintergrund am Straßenrand verharrte. Der Modist aber durchschaute das Spiel und warf ihr auch von weitem einen herablassenden Blick zu. Die Pointe der Anekdote wird hier nicht verraten.


Von Lagerfelds Socken bis zum "Kleinen Schwarzen" Audrey Hepburns

In anderen Kapitelchen – die meisten sind höchstens zwei Seite lang – schildert die Kölnerin die "Socken-Mode" von Karl Lagerfeld – bis zum seinem Ableben nebst gewaltigem Hofstaat ungekrönter König von Saint-Tropez. Nicht unerwähnt bleibt natürlich auch Coco Chanel, die durch einen Autounfall in der Provence den Mann ihres Herzens verlor und später hier ein Haus erwarb. Auch das "Kleine Schwarze" von Audrey Hepburn kommt drin vor, über die wir vor wenigen Wochen berichteten. Nicht zu vergessen: Der Frack von Marlene Dietrich, die mit Erich Maria-Remarque schaurig-schöne Wochen am Cap d’Antibes verlebte, wird ebenso thematisiert wie die Traumgarderobe der späterhin monegassischen Grace Kelly in "Über den Dächern von Nizza".

Von den zahlreichen Lebensweisheiten, die Elke Heidenreich in ihrem Büchlein vermittelt, habe ich mir besonders eine dankbar hinter die Ohren geschrieben: "Männer, die immerzu Kaffee trinken, sind meistens Plaudertaschen." Ich bin nämlich Teetrinker...


Lesetipps von Leserinnen

Inge Wörmann-Fluhme aus Bergkamen in der östlichen Ballungsrandzone des Ruhrgebiets hat ein Gedicht entdeckt, das sie durch regelmäßige Lektüre immer wieder über die covidische Tristesse hinwegtröstet. Es stammt von Josef Haslinger, heißt "Gedicht zur guten Nacht" und ist dem bei Kiepenheuer erschienenen anthologischen Bändchen "Das literarische Bankett" entnommen. Weil man die Verse nicht googeln kann, hat sie uns ein Foto davon geschickt (rechts).

Durchaus googelbar sind hingegen andere Lese-Ratschläge zur Linderung des Corona-Blues, die uns RZ-Leserinnen (Leser leider Fehlanzeige) zugeschickt haben, so dass wir uns mit den Titeln begnügen möchten.

Martine Müller – zur Zeit Burgschreiberin auf Burg Beeskow (Oder-Spree-Kreis) rät zu(m) "Kinderkriegen", einer Anthologie, an der sie selbst mitgewirkt hat.

Silke Meyn aus Oldenburg schreibt, zwar "sind diese Bücher nicht neu, sie haben mir aber sehr gefallen": Die Romane "Kleine Feuer überall" von Celeste Ng (dtv), "Underground Rail Road" von Colson Whitehead und "Der von den Löwen träumte" von Hanns-Josef Ortheil.

Ani Goetschi aus Luzern in der Schweiz ist begeistert von Thomas Hürlimanns "Abendspaziergang mit dem Kater" und "Das Gewicht der Worte" von Peter Bieri.

Suse Cunze aus Bormes-les-Mimosas haben "Die Verlobten" von Alessandro Manzoni in Bann gezogen. "Es handelt von einer anderen Pandemie, der Pest."

Ilka Heiner aus dem norddeutschen Loquard ist reinst hingerissen von Hanya Yanagihayres "Ein wenig Leben", wie sie uns schreibt "eine Hymne auf die Kraft der Freundschaft und auf die Kraft der Literatur, der es einmal mehr gelingt, Menschen rund um den Globus zu fesseln“.



Der obligatorische Corona-Schlenker


Da heute praktisch kein Text mehr ohne einen wenigstens kurzen Schlenker zu Corona auskommt, hat auch Elke Heidenreich dieses Thema drauf. Was das mit Kamelhaarmänteln zu tun hat? Nix. Wenn auch ein wenig an den Haaren herbeigezogen, passt die halbe Seite trotzdem ganz gut in ihre launige Kulturgeschichte über Kleider und Leute. Überschrift des Abstechers ist "Pest". Sie schreibt: "Eine Pandemie hält die Welt in Atem. Menschen sterben, Städte werden abgeriegelt, Ausgangssperren herrschen. Es gibt viele Tote, die Krankenhäuser sind voll, die Leichenhalle auch." Da wandeln – beide in "unschuldigem Weiß" – ein Gewand und eine Kappe – darinnen ein Greis – durch das menschenleere Rom. Vor einem Pestkreuz von 1522 verharrt der alte Mann, um für das Ende der Pandemie zu beten.

Dieser Vorgang stellt die Autorin vor geradezu auf den Nägeln brennende Fragen. Sie rätselt: "Hört ihn (den 83-Jährigen) jemand? Hat es damals geholfen? Wenn es hilft, wird man einst eine Säule für die aktuelle Pandemie errichten?"

Ich weiß es nicht, liebe Elke Heidenreich. Daher gebe ich die Fragen hiermit an unsere Leser weiter und bitte um baldige Antwort.

Rolf Liffers


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