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Was mit uns geschieht, wenn das Meer baden geht



Die Meeresverschmutzung hat enorme Ausmaße angenommen und bedroht zunehmend die menschliche Gesundheit. Das ist das Ergebnis einer brandaktuellen und bislang einzigartigen

Studie. “Human Health & the Ocean” war unlängst auch das Thema eines internationalen Symposiums mit Wissenschaftlern aus aller Welt in Monaco. Lesen Sie hier ein RZ-Gespräch mit dem Kopf hinter der Studie.


Dr. Philip Landrigan

Studie und Symposium gehen auf eine Begegnung zwischen Fürst Albert II. und dem Universitäts-Professor Dr. Philip Landrigan Ende 2018 zurück. Landrigan, Kinderarzt und Epidemiologe, erforscht in Boston umweltbedingte Krankheiten.

Zusammen mit Wissenschaftlern vom Centre Scientifique de Monaco (CSM) und des Global Observatory on Pollution and Health am Boston College formulierte er die „Declaration of Monaco“, in der sie die Regierungen weltweit zum Handeln für die Gesundheit der Meere aufrufen.

Was diese Erklärung bewirken und wie jeder Einzelne aktiv werden kann, besprach Philip Landrigan mit RZ-Chefredakteurin Aila Stöckmann.



RZ: Wie dramatisch ist die Lage?

Philip Landrigan: Die Verschmutzung der Ozeane ist schlimm und wird immer schlimmer, aber es ist noch Zeit, dagegen zu arbeiten und einen Großteil der Schäden für die menschliche Gesundheit und die Ökosysteme zu begrenzen.

Es bedarf visionärer und mutiger Führungspersönlichkeiten, die Maßnahmen ergreifen und bei der Kontrolle der Meeresverschmutzung dieselben Instrumente anwenden, die führende Politiker auf der ganzen Welt zur erfolgreichen Kontrolle der Luft- und Wasserverschmutzung eingesetzt haben.


Welchen Einfluss hat die Meeresverschmutzung auf die Gesundheit des Menschen und die Natur in ihrer Gesamtheit?

Zu den Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit zählen die folgenden:

  • Die Quecksilberverschmutzung hat sich in den Ozeanen weit verbreitet; das Schwermetall reichert sich stark in Raubfischen an.

  • Kohle ist der Haupt-Übeltäter bei der Quecksilberverschmutzung; die Giftstoffe der Kohle verdampfen bei der Verbrennung in die Luft und werden schließlich in die Meere gespült.

  • Die Verschmutzung entlang der Küsten durch Industrieabwässer, landwirtschaftliche Abwässer, Pestizide und menschliche Abwässer hat die Häufigkeit von schädlichen Algenblüten (Harmful Algal Blooms, HABs) erhöht, die Giftstoffe produzieren, die mit Demenz, Amnesie, neurologischen Schäden und verfrühtem Tod in Verbindung gebracht werden.

  • Plastikmüll – von dem mehr als zehn Millionen Tonnen pro Jahr in die Ozeane gelangt – tötet Seevögel und Fische und wird von Menschen in Form von giftigem Mikroplastik verzehrt, das bereits in allen Menschen zu finden ist.

Zu den Auswirkungen auf die Natur und die marinen Ökosysteme zählen:

  • Ein Verenden oder Kontaminierung der Fische, die drei Milliarden Menschen ernähren – durch die genannten Kunststoffe, giftigen Metalle, künstlichen Chemikalien, Pestizide und Abwässer.

  • Durch die Verschmutzung der Küsten werden lebensbedrohliche Infektionen verbreitet und die Ausbreitung von schädlichen Algenblüten gefördert. Diese Blüten entwickeln starke natürliche Gifte, die sich in Fischen und Schalentieren anreichern können und bei Menschen, die von ihnen essen, Lähmungen, Amnesie und sogar Tod verursachen können.

  • Ölverschmutzungen und chemische Abfälle bedrohen die Mikroorganismen in den Meeren, die einen Großteil der weltweiten Sauerstoffversorgung sicherstellen.


"Tatsächlich sind das Mittelmeer, die Ostsee und mehrere asiatische Flüsse am stärksten betroffen"

Welche Ozeane sind am stärksten verschmutzt? Wie steht es ums Mittelmeer?

Tatsächlich sind das Mittelmeer, die Ostsee und mehrere asiatische Flüsse am stärksten betroffen. Das Mittelmeer und die Ostsee sind deshalb so stark verschmutzt, weil beide an ihren Küsten dicht besiedelt und praktisch Binnengewässer sind, die nur begrenzt mit den offenen Ozeanen in Kontakt kommen.


Wie groß ist das Bewusstsein für das Problem der Meeresverschmutzung in der Welt?

Es steigt…


Was ist gefährlicher für die Zukunft unseres Planeten: Klimawandel oder Meeresverschmutzung?

Beides ist sehr gefährlich, aber die Gefahr des Klimawandels ist unmittelbar gegenwärtig, während die Verschmutzung der Meere schleichend und leise schlimmer wird und die Gesundheit von Milliarden von Menschen gefährdet, die von den Meeren abhängig sind, was Nahrung, Gesundheit und Lebensunterhalt betrifft.


Was muss am dringendsten gegen die Verschmutzung unternommen werden?

Der erste Schritt zur Kontrolle der Meeresverschmutzung in jedem Land besteht darin, die Hauptverursacher zu identifizieren, von denen 80 Prozent an Land liegen. Die Verschmutzung der Ozeane ist ein Problem der Umwelt-Ungerechtigkeit: Am stärksten betroffen sind die Menschen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen sowie indigene Völker, die am wenigsten zu dem Problem beitragen.


"Jeder von uns kann drei wichtige Dinge tun: seinen Plastikverbrauch minimieren, den Hausmüll trennen und seinen Kohlenstoff-Fußabdruck reduzieren"

Was kann jeder Einzelne von uns tun?

Zwei sehr direkte erste Schritte, die jeder von uns unternehmen kann, um die Verschmutzung der Ozeane zu reduzieren, sind erstens die Minimierung des Plastikverbrauchs, insbesondere von Einwegplastik, und zweitens die Trennung des Hausmülls. Ein dritter, längerfristiger Schritt, der sowohl den Ozeanen als auch dem globalen Klima zugutekommt, ist die Reduzierung des eigenen Kohlenstoff-Fußabdrucks.


Fleisch ist bereits ein No-Go. Sollten wir auch aufhören, Fisch zu essen?

Fisch hat einen geringeren CO2-Fußabdruck als Fleisch, was ihn zu einer nachhaltigeren Proteinquelle macht. Außerdem ist er viel gesünder als Fleisch und schützt vor Herzkrankheiten, Schlaganfall und Krebs.

Der Haken ist, dass nicht alle Fische gleich sind. Einige Fische wie Thunfisch, Schwertfisch und spanische Makrele haben einen sehr hohen Gehalt an Quecksilber und weiteren giftigen Chemikalien. Andere Fischarten wie Lachs, Flunder, Schellfisch, Renke, Seezunge und Tintenfisch haben einen viel geringeren Gehalt an Schadstoffen.

Ich empfehle den Menschen, mehr Fisch zu essen, wegen all der nachgewiesenen gesundheitlichen Vorteile – aber sie sollten den richtigen Fisch essen. Dieser Ratschlag gilt besonders für schwangere Frauen, denn giftige Chemikalien im Fisch können vom Körper der Mutter in den Körper des Kindes im Mutterleib übergehen und dem Baby schaden.


"Ich ziehe den Hut vor Fürst Albert II., der eine globale Führungsrolle beim Schutz der Ozeane innehat."

Welche Rolle spielt das kleine Monaco im Einsatz für sauberere Meere?

Eine sehr große! Das Fürstentum beherbergt mehrere führende wissenschaftliche Einrichtungen, die sich dem Studium der Ozeanographie widmen, darunter das Centre Scientifique de Monaco (CSM), das Ozeanografische Institut und die UN Environment Laboratories. Das internationale Symposium in Monaco zum Thema "Human Health & the Ocean in a Changing World" war das jüngste Zeugnis dieses jahrzehntelangen Engagements für den Schutz des Ozeans, das mehrere Generationen zurückreicht.

Ich ziehe den Hut vor Fürst Albert II., der eine globale Führungsrolle beim Schutz der Ozeane innehat.


"Umweltverschmutzung tötet jedes Jahr mehr als neun Millionen Menschen auf der ganzen Welt – mehr als Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen."

Wie kommt es, dass die erste umfassende Untersuchung über die Auswirkungen der Meeresverschmutzung auf die menschliche Gesundheit erst jetzt durchgeführt wurde?

Die Studie entstand aus dem wachsenden Bewusstsein für die Gefahren, die die Umweltverschmutzung für die Gesundheit der Menschen auf der ganzen Welt darstellt. Ein Schlüssel-Ereignis war die Veröffentlichung des Berichts der “Lancet Commission on Pollution and Health” im Jahr 2018, aus dem hervorgeht, dass Umweltverschmutzung jedes Jahr mehr als neun Millionen Menschen auf der ganzen Welt tötet – mehr als Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen.


Werden die Regierungen der “Declaration of Monaco” Beachtung schenken, die aus Ihrer Studie und dem in Monaco abgehaltenen Symposium erwachsenen ist?

Wir machen die Welt auf die Gefahren der Meeresverschmutzung aufmerksam – insbesondere auf ihre Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit – über die Presse, über soziale Medien und durch die Veröffentlichung unseres Berichts in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift “Annals of Global Health”. Bis heute wurden so mehr als 300 Millionen Menschen über unsere Erkenntnisse informiert, und wir werden weiterhin die Aufmerksamkeit von gewählten Vertretern und der Öffentlichkeit in Ländern auf der ganzen Welt auf das Thema lenken.