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  • RivieraZeit editorial

Wie im Wilden Westen: Label schützt vor Mietbetrug an der Côte d’Azur

Aktualisiert: 13. Sept. 2021

Mietbetrüger haben Menschen in Südfrankreich in den letzten Jahren um Millionen betrogen. Ein neues Label soll die Urlauber schützen. Wie das funktioniert, erklärte Gründer Chris Maughan im RZ-Gespräch. Von Nicole Ruskell



"Wie konntest du nur so dumm sein?" schnauzte der Ehemann unter Tränen seine Frau an. Das Paar war kurz zuvor mit drei Kindern und mehreren Koffern in Cannes gestrandet. Bezahlt hatte die Familie gut 15.000 Euro für ihren Urlaub in einer Luxusvilla – die nicht existierte.


Betrug ist nichts Neues hinter den Kulissen eines florierenden Mietmarktes für Reisende. Es erwischt Paare, Familien und sogar große Unternehmen. Die Polizei kann selten viel ausrichten, da ihr nur gefälschte Quittungen, gefälschte Namen und bereits geänderte Telefonnummern vorliegen. Auch die Reiseversicherung hilft nicht weiter.


Chris Maughan, Gründer von I-PRAC

"Urlaubsversicherungen decken selten Betrug ab", erklärt Chris Maughan, Gründer des Sicherheits-Labels I-PRAC. "Das steht im Kleingedruckten."


Für die Familie, die die Villa in Cannes gemietet hatte, wirkte alles seriös – sogar Maughan fand ihre Unterlagen sehr überzeugend. Aber, so fügt er hinzu, selbst 15.000 Euro für zehn Tage im Juli in einer riesigen Luxusvilla in Super-Cannes seien ein zu guter Preis. An der Stelle hätte man stutzig werden können: 30.000 Euro pro Woche wären realistischer gewesen, so der Immobilien-Fachmann.


Der Brite Chris Maughan ist Geschäftsführer der Agentur AES Cannes, die Unterkünfte für Privatpersonen und Unternehmen vermittelt. Während der großen Festivals und Messen in der Stadt betrauen ihn Firmen wie Twitter und Google mit der Buchung einer Bleibe für ihre Mitarbeiter.


Häufig aber stießen Kunden erst auf AES, nachdem sie übers Ohr gehauen worden waren, berichtet Maughan. Jahrelang erreichten ihn immer wieder Anrufe von Betrogenen, besonders während der großen Veranstaltungen wie der Immobilienmesse Mipim über die Cannes Lions (Jahrestreff der Werbebranche) bis zum Filmfestival. Es gab keine Verantwortlichen, keinen Verifizierungsprozess, keinen Regressanspruch. "Wie im Wilden Westen! Und die Branche nimmt es einfach hin."


"Diese Betrüger arbeiten wie Unternehmen"

Für Chris war die genannte Familie der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. "Es musste etwas getan werden."


Er machte sich auf die Suche nach Websites mit erfundenen Häusern und Appartements und den Tricks, die die gerissenen Gauner verwenden, um Menschen zu täuschen. Was er fand, war erschreckend:


"Diese Betrüger arbeiten wie Unternehmen. Sie haben einen Geschäftsführer, eine Marketingabteilung, eine Webentwicklung … sie bezahlen nur niemanden, wenn sie das Geld der Mieter erhalten." So werde beispielsweise für ein lukratives Event wie das Filmfestival eine Website mit 50 nicht existierenden Miet-Objekten eingerichtet, ebenso wie Bankkonten und Telefonnummern, die in Drittländer umgeleitet werden. „Es ist ein ausgeklügeltes betrügerisches System. Die Betrüger denken immer voraus. Während wir uns unterhalten, bauen sie gerade eine neue Website, um beispielsweise 1,5 Millionen Euro allein in Saint-Tropez zu ergaunern."


Eine Lösung fürs Problem


Maughan entwickelte also das Label I-PRAC (International Property Rental Approval Certification) zur Verifizierung von Immobilieneigentümern und Vermietungsagenturen auf der ganzen Welt, um Reisende vor Mietbetrug zu schützen. Sein Unternehmen nutzt eine ausgefeilte Technologie, insbesondere die Fotoerkennung, um zu überprüfen, ob es online andere Fotos von einer angepriesenen Immobilie gibt.


"Wir überprüfen alles, einschließlich Pässen, Kontonummern, Eigentumsdokumenten, Verträgen mit Behörden, Stromrechnungen usw.", erklärt Maughan.


Wenn eine Immobilie auf Herz und Nieren geprüft ist, erhält sie das I-PRAC-Logo. Aber, wie Chris betont, sei auch das ein Risiko: "Betrüger können das Logo auf ihrer gefälschten Website einfach einfügen." Also ist das Logo jedes I-PRAC-Mitglieds mit der eigenen Identifikationsnummer im Logodesign versehen. Diese ID-Nummer kann auf der I-PRAC-Website eingegeben werden und führt zum Profil des Anbieters, das dessen E-Mail-Adresse, die letzten fünf Ziffern des Bankkontos und die Telefonnummer zeigt. Es enthält auch Fotos der Immobilie und verifizierte Bewertungen von tatsächlichen Kunden.


Was ist mit Online-Buchungsplattformen, die ihre Objekte "verifizieren"?


"Sie verifizieren eine Immobilie nicht wirklich", antwortet Chris Maughan. Die einzige Verifizierung auf diesen Seiten ist die Antwort auf eine E-Mail. "Wir könnten jetzt ein Angebot auf Airbnb einstellen und es noch heute vermieten. Das ist falsch."


Es gehe nicht nur um Sicherheit für den Kunden – auch Eigentümer, die einen Kredit abzubezahlen haben, bräuchten Sicherheit. "Wenn Sie über Airbnb buchen, zahlt der Kunde, aber das Geld wird von Airbnb festgehalten, bis die Gäste ankommen. Wenn Sie die Sommermonate sechs Monate im Voraus vermietet haben, bekommen Sie bis zum Sommer keinen Cent." Plattformen wie diese seien für keine der beiden Parteien eine Garantie.


Wenn hingegen ein I-PRAC-Objekt vermietet werde, so Maughan, werden beide Parteien benachrichtigt, der Termin wird im Kalender geblockt und Transaktionen werden sicher durchgeführt. Rund 70 000 Häuser und Wohnungen in rund 30 Ländern seien bislang verifiziert, und es würden stetig mehr.


Und Corona?


Die Schäden für die Branche durch die weltweiten Corona-Lockdowns waren katastrophal. Chris Maughan verzichtet daher ein Jahr lang auf die I-PRAC-Gebühren mit einer schrittweisen Rückkehr zum vollen Preis in vier Jahren. Außerdem hält er Vorträge, um die Mitglieder darin zu schulen, wie sie mit der Krise umgehen können.


"Der Vermietungsmarkt hat sich verändert", sagt er. Stornierungspolitik und Vertrauen seien das A und O: "Wenn Sie im Jahr 2021 kein Vertrauen zeigen, verlieren Sie Einnahmen."


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