Suche
  • RivieraZeit editorial

Zottelige Rettungsschwimmer: Wie Neufundländer an der Côte d’Azur Leben retten

Der Strand von Antibes ist an diesem Samstag voller Menschen. Inmitten des geschäftigen Treibens tauchen plötzlich ungewöhnliche Strandbesucher auf: große Hunde mit mächtigen Tatzen, langem Fell und beachtlichen Schnauzen, zusammen mit einer kleinen Menschengruppe in roten Tauchanzügen. Was auf den ersten Blick wie eine Touristenattraktion aussieht, ist ein wichtiger Teil der Seenotrettung vor Ort. Die Hundehalter sind Mitglieder des Vereins Terre Neuve Sauvetage Aquatique 06 und stellen ihre Arbeit mit den tierischen Begleitern vor – um im Ernstfall Leben zu retten.


Von Sabrina Reitnauer


Neufundländer beim Training mit seinem Herrchen

70-Kilo-Hunde werden zu Lebensrettern


Das Konzept des Vereins basiert auf einem vertrauensvollen Umgang zwischen Mensch und Tier. „Wir sind ein Team und wir arbeiten zusammen. Unsere Hunde haben selbst Spaß an den Einsätzen im Wasser und retten gemeinsam mit ihren Trainern freiwillig Leben“, resümiert Jean-Christophe Meyer, der Präsident des Vereins. Neben sportlichen Aufgaben und Herausforderungen für die Hunde stehe die pädagogische und charakterliche Entwicklung der Tiere an erster Stelle. „Nur mit Muskelkraft allein kann ein Hund nicht Seite an Seite mit dem menschlichen Partner agieren. Er muss sich auf die Situation und die Teamarbeit einlassen und auch im Wasser einen starken Charakter zeigen. Nur so können Rettungseinsätze gelingen“, erklärt Meyer, der ausgebildeter Feuerwehmann in Antibes ist. Sein Verein ist an der gesamten Riviera bis nach Monaco und sogar Italien unterwegs, um Menschen aufzuklären und in Gefahrensituationen zu retten.


Dies ist zuletzt immer wichtiger geworden: In den letzten Jahren häufen sich Ertrinkungsunfälle. Allein im Juni 2021 wurden 654 Unfälle in Frankreich verzeichnet, 22 Prozent mehr als noch 2018. Besonders in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur (PACA) sind Unfälle keine Seltenheit und erfordern starke Rettungsmannschaften, wie die Studie Noyades 2021 (Santé publique France) öffentlich macht.


Trainingsstunde am Strand von Antibes


Fünf Neufundländer sitzen nebeneinander im weichen Sand und schauen ihren Frauchen und Herrchen bei der Vorbereitung der Trainingsstunde zu. Es werden Bojen und Rettungsausrüstungen bereitgelegt und genaue Bewegungsabläufe geprobt. Die Hunde tragen rote Brustgürtel mit der Aufschrift ihres Vereins und sind nicht zum Spielen mit Touristen und Strandbesuchern aufgelegt – sie sind auf ihrem Arbeitsplatz und bereit, mit Kraft und Können Menschen zu retten. Und schon geht es los: Für Vereinspräsidenten Meyer und Neufundländer Nox steht nun die Trainingsstunde an.



Den zotteligen Riesen scheint das größer werdende Publikum der Badegäste nicht zu stören. Er konzentriert sich gemeinsam mit seinem Trainingsleiter auf seine Aufgabe: Ein Vereinsmitglied schwimmt ein Stückchen ins offene Meer hinaus und imitiert die Notsituation und die Bewegungen eines Ertrinkenden. Auf ein gemeinsames Kommando hin stürzt sich der menschliche Rettungsschwimmer ins Wasser, erreicht den Ertrinkenden in wenigen Sekunden und stabilisiert ihn im Wasser.


Nun kommt die Kraft des Hundes zum Einsatz. Nox paddelt zu der zu rettenden Person und zieht sie mit seiner enormen Muskelstärke aus dem Wasser. Dabei sei auch die beruhigende Wirkung des Hundes auf den Menschen nicht zu unterschätzen, wie der Trainingsleiter später erklärt. „Die Tiere können Angst und Panik lindern und vermitteln mit ihren stattlichen Körpern Sicherheit.“


Neufundländer: starke Hunde mit weichem Gemüt und Schwimmhäuten!


Hätten Sie's gewusst? Neufundländer haben Schwimmhäute wie Wasserschildkröten.

Kraftprotz und Schwimmstar mit großem Herzen – die Rasse der imposanten und haarigen Neufundländer, die bis zu 800 Kilogramm stämmen können, ist wie geschaffen für die Arbeit in der Seerettung. Neben den ausgeprägten Muskeln und ihrem Durchhaltevermögen im Wasser punkten die von den neufundländischen Inseln stammenden Hunde mit einem besonderen Schwimmstil: Statt des normalen Kraulens mit den Vorderpfoten hat sich der Neufundländer eine besondere Technik im Zusammenspiel mit allen vier Pfoten angeeignet.


Ein weiteres großes Plus: seine Schwimmhäute zwischen den Zehen, die ihn fast wie eine Wasserschildkröte durchs Meer gleiten lassen. Und auch sein Fell und seine Haut gleichen der Beschaffenheit eines professionellen Tauchanzuges. Mit einer Fettschicht auf der Haut und seinem wolligen Unterfell spürt der Riese keine Kälte und kann sich mit kleinen Luftbläschen, die sich im Fell sammeln, besonders schnell im Wasser fortbewegen.


Der Neufundländer kann sich auch in schwierigen Situationen mit mentaler und körperlicher Stärke behaupten. Und dies macht ihn schon seit mehreren Jahrhunderten zum unverzichtbaren Begleiter des Menschen.


Der Legende nach soll der Neufundländer durch Gott zum Freund des Menschen gemacht worden sein und in sich die besten Eigenschaften des Bären, der Robbe und des Delphins vereinen. Die Rettungshunde in Antibes tun das auf jeden Fall.



Info zum Verein der tierischen Seenotretter in den Alpes-Maritimes:

www.terreneuve06.fr

133 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen